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George Guţu

Forschungsrezeption und Werkverständnis

Zu: Barbara Wiedemann-Wolf, Antschel Paul - Paul Celan.

Studien zum Frühwerk, Niemayer, Tübingen 1985

(In: Neue Literatur. Bukarest, Heft 1, 1989, S. 64-71)

- Vgl. dazu die Stellungnahme von Dieter Schlesak -

 

Das lyrische Werk Paul Celans macht es dem Leser (und dem Forscher insbesondere) gewiss nicht leicht; es wirft eine Vielfalt von Fragen auf, die nicht zuletzt auf die von Celan selbst postulierte “Mehrdeutigkeit” seiner Dichtung zurückzuführen ist: “Mehrdeutigkeit ohne Maske”, “Begriffsüberschneidung, Überlappung der Bezüge”, das heißt “das dialektische Übergehen und Umschlagen - die Wandlung ins Benachbarte, ins Nächstfolgende, ja oft ins Gegenteilige”. Diese Polivalenz wiederum rührt aus einem komplizierten, fast unüberschaubaren biografischen und bildungsmäßigen Ur-Grund her.

Angesichts der anwachsenden Zahl weiterführender Beiträge zur Be- und Hinterfragung sowie zur biografie- und textbezogenen Erhellung seines Werkes treten Aspekte der Rezeption von literarischem Werk sowie von Forschungsergebnissen immer mehr in den Vordergrund. Der holländische Germanist Ulrich Konietzny hat diesbezüglich eine ineteressante Dissertation verfasst. Dadurch treten zu den ohnehin nicht wenigen Verständnisproblemen des lyrischen Werkes von Paul Celan Fragen der Forschungsrezeption hinzu, die mit dem untersuchten Werk weniger zu tun haben als mit Aspekten der Forschungsethik. Die Auseinandersetzung mit früheren Forschungsergebnissen ist unerlässlich, hat jedoch in den Grenzen der Wissenschaftlichkeit und des Zumutbaren zu verbleiben und forschungsdienlich zu sein.

Wie das Verhältnis von Werkverständnis und Forschungsrezeption manchmal funktioniert, soll der interessierte Leser (allen voran der Celan-Liebhaber) anhand der Studie von Barbara Wiedemann-Wolf ersehen.

Eine Prämisse dafür, dass die hier angegangene Problematik richtig verstanden wird, ist freilich die Kenntnis dieser Studie und unserer 1977 in Leipzig verteidigten Dissertation “Die rumänische Koordinate der Lyrik Paul Celans”. Der Neue Literatur-Leser kann eine Besprechung der Wiedemannschen Untersuchung im Heft 10/1987 einsehen und unsere Arbeit in den Bibliotheken von Bukarest, Leipzig und Frankfurt/Main finden.

Eine aufmerksame Lektüre, die konstruktiv-kritische Vertiefung und Überprüfung des methodologischen Verfahrens würden sowohl die expliziten als auch die impliziten Intentionen und Ergebnisse des Wiedmannschen Beitrags vermitteln. Auffallen würde dem Leser weitgehend jener Ton der Verfasserin im Umgang mit der Celan-Sekundärliteratur, den James K. Lyon in der Untersuchung eines anderen Celan-Forschers festgestellt und wie folgt formuliert hat:

“In seiner Auseinandersetzung mit Celans Kritikern, die er oft in ausführlichen Bemerkungen abfertigt, ist der Ton oft etwas scharf und meistens unfreundlich. Man gewinnt den Eindruck, dass fast alle Literaturwissenschaftler, die sich bis jetzt an Celan gewagt haben, Trottel sind, weil sie nicht gesehen haben, was er hier behauptet.” Und weiter heißt es bei Lyon: “Derartige Urteile stehen ihm [dem Verfasser; G. G.] nicht besonders gut an, da er selbst Fehler macht.” (Zeitschrift für deutsche Philologie, 2/1987, S.313).

Obwohl in der von Christiane Heuline für das Bukarester Celan-Kolloquium 1981 zusammenstellten, sehr ausführlichen Biografie sowie in international anerkannten Werken verzeichnet, war unsere Dissertation bis auf wenige Ausnahmen (Klaus Schuhmann, Ulrich Konietzny) unbeachtet geblieben. Selbst in Bukarest lebende Celan-Kenner (wie etwa Petre Solomon), denen es völlig unproblematisch gewesen wäre, in unsere Untersuchung einen Blick zu werfen, taten diesen wissenschaftlich unerlässlichen Schritt leider nicht. In der Studie Wiedemanns wurde allerdings unser Beitrag - mehr nolens als volens - stellenweise sogar gewürdigt, doch die antiquiert-denunziatorische Position der Verfasserin machte uns die Beweg- und Hintergründe einer solchen Haltung deutlich. Das lässt darauf schließen, dass dies die Rezeptionsphase ist, in der unser Beitrag - um mit Celan zu sprechen - “totgeschrieben” werden soll. Aber immerhin verdient Wiedemanns Mühe, sich mit unserer Untersuchung zu befassen und sich mit ihr (auf ihre Art und Weise) auseinanderzusetzen, unsere dankbare Anerkennung.

Soweit einiges zur Vorgeschichte. Dazu gehört auch eine - bei weitem nicht unwesentliche - Episode: Während ihres Rumänien-Aufenthalts bat uns Barbara Wiedemann 1979, ihr unsere Dissertation zur Verfügung zu stellen. Nachdem sie den ersten Band gelesen hatte, schrieb sie uns folgendes:

“Sehr geehrter Herr Guţu, haben Sie vielen Dank - ich habe Ihre Arbeit mit viel Interesse gelesen. Auch der andere Teil, der über die rumänisch-sprachigen Autoren, würde mich natürlich interessieren, fast noch mehr vielleicht, weil ich mich selbst in der rumänischen Literatur nicht sehr gut auskenne...” (u. Hervorhebung; G.G.)

Beim Vergleichen beider Untersuchungen werden vielfältige Interferenzen und Anregungen evident. Da jedoch rezeptionsgeschichtlich zwischen dem Erscheinen beider Arbeiten ganze acht Jahre liegen, kann man unmöglich von einem reziproken Charakter dieser Anregungen sprechen.

Grundsätzlich sei außerdem vermerkt, dass der Stand der Celan-Forschung 1977 freilich ein anderer war als 1985, was Wiedemann zunächst einmal nicht wahrhaben will: so standen uns bloß 31 bis dahin unbekannte frühe Gedichte Celans zur Verfügung, während sie 163 Texte in die Analyse mit einbeziehen konnte. Die ziemlich chaotische Veröffentlichung früher Celan-Texte führte zur Verbreitung verschiedener “Konvolute” und “Typoskripten”, die in Fragen wie Entstehung (Datierung) oder Anordnungsprinzipien wissenschaftlich unzuverlässig sind.

Forschungsrezeption heißt ohne Zweifel ein vertieftes, dem später erreichten Forschungsstand angemessenes Herangehen an denselben Gegenstand. Aber einer Vorleistung (bei bewusster Verdrehung von Tatsachen) fremde Zielsetzungen (manchmal grob-verletzend) zu unterstellen, im - schlecht verstandenen - Sinne eines sogenannten “europäisch gebildeten Lesers” bedeutende Werte einer Nationalliteratur (so die Dichtung Philippides, Arghezis und Blagas), mit denen man man bloß durch – gestandenermaßen: “weil ich mich selbst in der rumänischen Literatur nicht sehr gut auskenne...” - prekäre Sprachkenntnisse und Lektüre verbunden ist, wie großzügig tolerierte Stiefkinder der Weltliteratur zu behandeln - dies alles geht über eine zumindest spätaufklärerische Verständnisbereitschaft weit hinaus und darf als Herausforderung weder unbeachtet noch unbeantwortet bleiben.

Die Diskussion über alle heiklen Stellen des Wiedemannschen Beitrags würde freilich viel zu weit führen. Aus Raummangel werden wir im folgenden auf nur einige Äußerungen der Verfasserin eingehen. Verwunderung ruft zunächst einmal der Ton hervor, den Wiedemann sowohl in Bezug auf unsere Untersuchung als auch im Zusammenhang mit ihrer mangelnden Bereitschaft anschlägt, Dinge anzuerkennen, die für Celan das Selbstverständlichste auf der Welt bedeuteten, so auch den intimen Umgang mit der rumänischen Lyrik.

Zunächst scheint Wiedemann Einwände gegen die vergleichende Literaturforschung zu haben, was man durchaus verstehen würde, wäre ihr eigener Beitrag dieser Methode nicht zutiefst verpflichtet - vielleicht sogar mehr, als die Verfasserin selbst wahrhaben will. Celans frühe Lyrik in der “literarischen Umgebung seiner Jugend” (S. 26) oder auf dem “’Erlebnis’-Hintergrund” (S. 4) in der Bukowina und in Bukarest zu untersuchen, zahlreiche literarische Umfelder, deren Linien im Celanschen Werk aufs originellste Früchte trugen und zu einem eigenen Poesieverständnis führten, sichtbar werden zu lassen (Kapitel II), heißt nichts anderes als vergleichend vorgehen. Und es sind dies genau die Ziele, die sich auch unsere Studie gesteckt hatte. Obwohl wir keinen Augenblick lang bestrebt waren, uns zum “Komparatisten Guţu” (S. 11) aufzuspielen, gingen wir bewusst und nüchtern gleichermaßen auf Vorzüge und Gefahren der vergleichenden Literaturforschung ein und erwähnten selbst die Warnung Welleks, diese sei gegenwärtig in eine “Sackgasse” geraten, was freilich diesen Zweig der Literaturwissenschaft kum abzuschaffen vermochte. Indem Wiedemann sich zwar im Gadammerschen Sinne auf die Einzeltexte als Sinneinheiten konzentriert (die Auffassung “vom Gedicht als eine Struktur aus sinnvollen und somit sinntragenden Elementen” [S. 8, Anm. 18], ist bei weitem keine Wiedemannsche Entdeckung, sondern ein Gemeinplatz - nicht unbedingt nur - moderner Ästhetik), kommt sie nicht umhin, sich bei der Behandlung von Themen und Motiven so oft zu wiederholen, dass man dabei die Überzeugung gewinnt, ein thematisch-motivisch vergleichendes Herangehen hätte mit geringerem Aufwand zu denselben Erkenntnissen geführt. Schließlich bekennt sie sich ausdrücklich zur vergleichenden Literaturforschung; allerdings spricht sie sich gegen den Komparatismus aus, der keinen “gegenseitigen Einfluss” sichtbar werden lässt (S. 10). Abgesehen davon, dass wir in unserer Dissertation auch auf einige Anregungen Celans im Werke Alfred Kittners oder der jüngeren rumäniendeutschen Lyrik der siebziger Jahre aufmerksam gemacht haben (was Wiedemann wie vieles andere noch entgangen zu sein scheint), stellen wir eigentlich fest, daß die Abneigung der Verfasserin der Parallelstellen-Methode gilt, die, wenn nicht vielleicht das bedeutendste, so jedenfalls ein unerlässliches und bewährtes Instrument der Komparatistik war und weiterhin ist. Was allerdings bei Guţu zu verdammen ist, lässt sie bei anderen, ähnlich verfahrenden Forschern durchaus gelten (so bei Klaus Voswinckel), zumal sie selbst diese Methode nicht ganz zu vermeiden vermochte. (Man kann ja schließlich wegen eines Bildes oder eines Motivs, das der Leser bei der Lektüre freilich kontextuell, sehr oft auch erst im Makro-Kon-Text des Gesamtwerkes ebenso gedanklich wie der Forscher erchliesst, nicht immer wieder ganze Gedichte analysieren!)

Über die Zielstellungen unserer Arbeit macht Wiedemann einige verblüffende Äußerungen: was sie an einigen relevanten Stellen (die nicht zufällig auch unsere Schwerpunkte markieren) sagt, ist schlichtweg Mystifikation und böswillige Unterstellung. Denn unmissverständlich wurde in unserer Arbeit darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Ziel darin bestehe, eine in der Celan-Sekundärliteratur bis dahin evident gewordene Lücke zu schließen, wobei diese Lücke als die “rumänische Koordinate” identifiziert worden ist - und zwar auf dem Hintergrund der von der einschlägigen Forschung bis dahin umrissenen weiteren Koordinaten dieser Lyrik (die der jüdischen Tradition und Gegenwart, der deutschen, französischen, mystischen Literatur etc.). Deutlich genug betonten wir in unserer Arbeit, es sei keineswegs unser Ziel, Celan etwa der rumänischen Literatur gewaltsam einzuverleiben oder gar Abhängigkeitsverhältnisse zu ihr sichtbar werden lassen. Auch vermieden wir weitestgehend, zwielichtige Begriffe wie vor allem jenen von “Einfluß” zu verwenden, die von der vergleichenden Forschung meistens abgelehnt werden (Wiedemann dagegen bemüht diesen Begriff ungebührlich oft). Der eigentliche Zweck unserer Arbeit war, Celans äußerst kompliziertes und vielfältiges, aber nicht minder originelles Lyriker-Bild durch eine konstituierende Komponente zu ergänzen. Die “ideologischen” (S. 5) oder gar “opportunistisch-ideologischen Ziele” (S. 95) unserer Arbeit sind keine Wahrheit, sondern eine - unglaubwürdige - Dichtung der Verfasserin. Vor einem (angesichts solcher Anschuldigung sich vordrängenden) Opportunismus in Sachen Literatur warnten dagegen viele angesehene Literaturwissenschaftler. Hans Mayer hatte unmissverständlich darauf aufmerksam gemacht, daß Celan sich “durchaus nicht als jüdischen Dichter oder gar als Poet des Judentums” verstanden habe, denn - so Mayer weiter - “die jüdischen Themen gehörten zur Substanz seines Lebens und tauchten deshalb immer wieder auf. Man sollte sie nicht als Bekenntnis missverstehen...” Niemand verharmlost die Tragödie Celans und aller jüdischen und nichtjüdischen Opfer der grausamen Ereignisse jüngster Geschichte. Wer so etwas in unsere Arbeit hinein liest, tut dies auf eigene Gefahr und auf Kosten seiner Glaubwürdigkeit, disqualifiziert sich schließlich selbst. Celan selbst wusste - vor allem dann, wenn gewisse Züge seiner Lyrik, die allgemein anerkannt werden, unmotiviert, überbetont wurden - solchen Versuchen, ihn für eine ihm fremde Sache zu vereinnahmen, eindeutig entgegenzutreten: “...mit dem jüngsten oder arischen Goebbels-Nachwuchs spreche ich nicht”, denn, “nachdem ich als Person, also als Subjekt ‘aufgehoben’ wurde, darf ich, zum Objekt pervertiert, als ‘Thema’ weiterleben: als ‘herkunftsloser’ Steppenwolf zumeist, mit weithin erkennbar jüdischen Zügen. Was von mir kommt, gelangt zur Redistribution - jüngst auch mein Judentum. (...) Und weit und breit - kein Mensch. Aber allerlei ‘Philosemiten’ und ‘Juden’. Na ja.” Dem braucht angesichts mancher Versuche wie jener von Peter Mayer, denen sich Barbara Wiedemann nicht nur anschließt, sondern die sie auch im Zusammenhang mit dem Frühwerk (und erst dort recht intensiv) bemüht, höchstens noch folgende Feststellung Lili Simons hinzugefügt zu werden: “Der jüdische Leidensweg steht in Celans Dichtung repräsentativ für den Leidensweg des Menschen überhaupt. Jüdisches und Menschliches verschmelzen im Leiden ineinander.”

Auch in Bezug auf das Verhältnis Celans zum Surrealismus ist Wiedemanns Auslegung unserer Ausführungen zu diesem Aspekt vorsätzlich und von Grund auf falsch. Von dem, was sie uns vorwirft (Zitatmanipulation, Nichtberücksichtigung des Kontextes etc.), macht sie bedenkenlos selbst Gebrauch. Sie schreibt: “...am deutlichsten ist die negative Bewertung surrealistischen Einflusses bei Guţu, dem ja” (wie sie so ganz nebenbei einräumt) “immerhin zu verdanken ist, als einer der ersten auf die rumänischen Vertreter der surrealistischen Bewegung im Zusammenhang mit Celan hingewiesen zu haben” (S. 110). Zunächst pflegen wir - wie angedeutet - kaum von “Einflüssen” in Celans Verhältnis zu seinem literarisch-geistigen Bildungs-Hintergrund, sondern von Berührungspunkten, Anregungen, Affinitäten etc. zu sprechen. Eine genauere Lektüre des theoretischen Teils unserer Arbeit hätte Wiedemann dazu verholfen, solche falschen Schlussfolgerungen zu vermeiden. Den Surrealismus verstanden wir im Erlebnisbereich Celanscher Konstituenten nicht grundsätzlich anders als Celan selbst: als ein literarisches “Erfahrungsmuster”, um einen von Christa Wolf geprägten Begriff zu bemühen, als ein seine Ausdrucksmittel bereicherndes Intermezzo. Übrigens hat sich Celan über den Surrealismus deutlich genug geäußert: “Ich werde oft des Surrealismus bezichtigt - das ist natürlich Unsinn.” Wenn hier ein negativer Unterton unüberhörbar ist, dann dürfte sich auch Wiedemann über unsere sogenannte “negative” Beurteilung dieser Bewegung zumindest von nun an im klaren sein. In Celans Verhältnis zum Surrealismus machen sich postmoderne Ansätze deutlich bemerkbar. Uns ging es nicht vorrangig um eine “Bewertung” des Surrealismus an sich, sondern darum, im Celanschen Frühwerk surrealistische Anklänge zu orten und als spezifische Station des poetischen Werdegangs dieses Dichters kenntlich zu machen. Vordergründig kam es uns also drauf an, einen weiteren, von der bisherigen Celan-Forschung nur geahnten, nicht näher untersuchten Aspekt sichtbar zu machen, den wir “die rumänische Koordinate” der Lyrik Celans genannt haben, was selbst von der stets kritisch verfahrenden Wiedemann schließlich anerkannt werden musste.

Sagten wir, dass - im Einklang mit vielen vergleichenden Forschern - der Begriff “Einfluss” zu vermeiden ist, so bietet sich in Bezug auf das Verhältnis der Wiedemannschen Studie zu unserer Dissertation der Begriff “Anregung” geradezu an: im Sinne einer konstruktiven, weiterführenden Forschungsrezeption hätte die Verfasserin eigentlich zugeben müssen, dass ihre Untersuchung der Dissertation Guţus “immerhin” auch zahlreiche inhaltliche Anregungen “zu verdanken” hat: Anregungen, die sie auf der einen Seite zu verharmlosen versucht (so im Zusammenhang mit den rumänischen “Klassikern der Moderne”, auf die sie ohne unseren Wink überhaupt nicht zu sprechen gekommen wäre), auf der anderen gewinnbringend vertieft (so die Analyse des Werkes rumänischer Surrealisten, vor allem Teodorescus, die in unserer Arbeit – interessanterweise, nicht wahr? - einen ebenfalls breiten Raum einnimmt). Und überhaupt: auch im Zusammenhang mit dem surrealistischen Aspekt kommt bei der Verfasserin - selbst im stillschweigenden Übergehen unserer diesbezüglichen Forschungsergebnisse - jene Haltung zum Ausdruck, die James K. Lyon in seiner von uns erwähnten Besprechung festgestellt hatte.

Diese Haltung - eine Konstante in ihrem Umgang mit der Sekundärliteratur - wurde bereits im einleitenden Teil ihrer Arbeit deutlich, in dem die Verfasserin explizite Forschungsrezeption betreibt und eine pauschale Bewertung des bislang Geleisteten vornimmt. Uns wirft sie - unter anderem - vor, “die semantische Funktion der Form sowie die Unterschiede in der Bildstruktur - also das Wie des Sagens” (S. 4) nicht berücksichtigt zu haben, und lässt sich zu einer Anredeweise hinreißen, die mit wissenschaftlichen Ansprüchen schwerlich im Einklang stehen dürfte: “Flößer, mein lieber George Guţu - das gibt es eben” (S. 5), doziert sie, wozu nur folgendes zu sagen wäre: 1. Die Stelle, auf die sie sich bezieht (und die sie bezeichnenderweise nicht näher erläutert - Zitatmanipulation?), ist in einem Abschnitt unserer Arbeit zu finden, der auf ausdrücklich als “empirisch” bezeichnete Spuren, Elemente, Eindrücke der rumänischen geistigen und Naturlandschaft in Celans Lyrik aufmerksam machte. 2. Dass hier Wiedemann mit ihrem angeblich ironischen Ton danebentraf, sei anhand einer Stelle aus einem Brief von Rose Ausländer an Alfred Margul-Sperber belegt: “Diese Wochen sind mir wie eine Flucht von Traumwellen entglitten, und geblieben sind einige unvergessliche eindrücke: Ein Sonnenuntergang am Gipfel des Rarau; eine endlose Bergschau vom ‘Suchard’; das sanfte Hingleiten des Floßes auf der ‘goldenen’ Bistriţa längs der märchenhaften Ufer von Kirlibaba bis Jakobeni.” (Neue Literatur, 8/1988, S. 58f.) Jawohl, “unvergeßliche Eindrücke” hinterlässt eine geistige und Naturlandschaft, von der man menschlich und poetisch geprägt wurde.

Würde man wie Barbara Wiedemann verfahren und dabei die - ironische Naivität vortäuschende - Frage nach der Herkunft von Bildern (in Anwandlung - bei Celan motivierter - Äußerungen) stellen, so könnte man ihr erwidern: Rosen, Barbara Wiedemann-Wolf - das gibt es (auch) eben! Was die Möglichkeiten anbetrifft, die - nach Ansicht von Wiedemann - die rumänischen Germanisten in (vor allem Früh-)Werk Celans erblickt haben sollen, eine "mit einer Stärkung des nationalen Selbstgefühls verbundene Aufwertung des rumänischen Anteils an Celans Entwicklung" (S. 3) zu betreiben, so liegt hier eine Strategie der doppelten Zielsetzung vor: einmal sollen die in Rumänien erzielten Forschungsergebnisse im Zuge einer unhaltbaren Anschuldigung wegen nationalistisch gefärbter Bestrebungen diskreditiert werden; zweitens artikuliert sie wieder einmal die These (mit der auch einige ehemalige Freunde Celans liebäugeln, die an der Kultur-Atmosphäre der 40er und 50er Jahre in Rumänien maßgeblichen Anteil hatten), Celan sei nach Wien nicht deswegen gegangen, weil er dort als deutschschreibender Dichter ein breites Publikum erreichen wollte, sondern weil er sich in Rumänien allmählich als "Dissident" zu fühlen begonnen habe. Manch einer, der heute Celan die Treue schwört (immerhin bot dieser seinen früheren Bekannten die einmalige Chance, aus der Anonymität heraus zu schlüpfen), hat in den 50er Jahren Protest dagegen eingelegt, dass ein in Rumänien zu Besuch weilender DDR-Autor, Günther Deicke, in einem Kreis Bukarester Schriftsteller auch ein Gedicht von Paul Celan vorgelesen hatte: "Es gibt da einige hartgesottene Leute, die (...) gesagt haben, sie hätten, als ich das Gedicht von Celan gelesen habe, nur aus Taktgefühl für den Gast nicht den Saal verlassen. Aber keiner von den Leuten hatten doch auch den Mut, mich hinterher auf meinen 'Fehler' aufmerksam zu machen (was damals nicht einmal ein Fehler war, da Celan damals oder noch kurz vorher der französischen KP nahestand...). Immerhin ist es doch bezeichnend: dass ich in Bukarest Ende Oktober 1957 ein Gedicht von Paul Celan gelesen habe (übrigens ein einwandfrei antifaschistisches Gedicht, das in hundert Jahren noch in Anthologien stehen wird), das hat man sich ein Jahr lang gemerkt, um es mit kummervollem Augenaufschlag ('shocking') möglichst jedem auf die Nase zu binden." (Brief an Margul-Sperber; im Sperber-Nachlaß; G.G.). In seiner verzweifelten Entwurzelung hätte Celan nie ausgerufen: "Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich nicht besser bei den Buchen meiner Heimat geblieben wäre", wenn er sich der Eintracht so verschiedener Nationalitäten in der rumänischen Bukowina nicht voll bewusst gewesen wäre. Sperber hatte sich einmal diesbezüglich wie folgt geäußert: "Die Respektierung fremder nationaler Güter" sei dort oberstes Gebot, tiefe Erkenntnis; "bei uns in der Bukowina, auf deren verhältnismäßig kleinem Gebiet wie vielleicht nicht zum zweiten Mal in Europa die verschiedensten Nationen nebeneinander wohnen, wird sich diese Erkenntnis... fruchtbarer erweisen als anderswo." Es dürfte Wiedemann doch noch einleuchten, dass nationales Selbstgefühl mit nationalistischer Engstirnigkeit nicht zu verwechseln ist.

Weil die Verfasserin so sehr auf philologische Akribie schwört, seien uns einige Bemerkungen gestattet:

  • Celans Debüt-Gedicht "Tangoul morţii" ist nicht in "Contimporanul" (S. 16 etc.) erschienen, da diese Zeitschrift einfach in den Jahren 1922-1932 herausgegeben worden war, sondern in „Contemporanul“. (Eine Verwechslung dieser Art ist schon in Bezug auf ihre rumänischen Literatur- und Sprachkenntnisse ziemlich aufschlussreich!)

  • Auf die Unhaltbarkeit von Versuchen, Celan als Plagiator hinzustellen, haben wir - soweit wir die Sekundärliteratur überblicken - als erste entschieden Stellung genommen, was in Wiedemanns Arbeit auf S. 81f in irgendeiner Form hätte vermerkt werden sollen.

  • Dagegen verübelt sie uns, Celan in die Nähe dreier großer rumänischer Lyriker gerückt zu haben; damit entstand ein ganzer Abschnitt ihrer Studie, der sich allerdings auf einem Feld bewegt, auf dem sie sich - wie sie selbst in dem an uns gerichteten Brief eingestand - viel zu wenig auskennt. Arghezi nur wegen seiner expressionistischen Phase (S. 51) und seiner "kompromisslosen publizistischen Aktivitäten während der rumänischen Faschismus-Epoche" (S. 97), Blaga wiederum bloß wegen seiner "Metaphorik in ihrem Oszillieren zwischen Abstraktion und Sinnlichkeit" (S. 94) und schließlich Philippide nur als Kulturpolitiker gelten zu lassen, das reicht wirklich nicht aus, um das Vorhandensein eines gesonderten Abschnittes über die "Rumänischen 'Klassiker der Moderne'" in ihrer Studie anders zu motivieren als dadurch, dass sich hier zahlreiche Angriffsflächen gegen Guţus Ausführungen zu bieten schienen. Denn wenn es so ungemein abwegig ist, Celan im Zusammenhang mit diesen drei (wohlgemerkt: rumänischen, nicht - sagen wir mal - spanischen oder gar vietnamesischen) Lyrikern, die bedeutende Vertreter der europäischen Moderne sind, zu untersuchen, warum unterließ Wiedemann es nicht ganz, von ihnen überhaupt zu reden? Das "Argument", Celan habe den einen oder anderen nicht "persönlich" kennengelernt, was eine geistige Annäherung unmöglich mache, erweist sich im Falle solch evidenter geistiger Interferenzen als dermaßen naiv, dass man - würde man Wiedemann ernst nehmen - sich dann die Frage stellen müsste, wieso bemüht sich eine ganze Reihe von Schriftstellern in ihrer Argumentation, denen Celan "persönlich" nie begegnet ist - so etwa Rilke? Guţu verdient es wirklich nicht, über die Leichen der drei rumänischen Lyriker, die Celan nicht nur hellhörig gelesen, sondern auch zutiefst geehrt hat, im Zuge einer dem Gegenstand unangemessenen Forschungsrezeption dem Erdboden gleichgemacht zu werden. Dass nach einer stark frankophil orientierten Periode in der rumänischen Literatur eine (vor allem durch den Expressionismus bedingte) Wendung zum deutschen geistigen Raum erfolgte und für die rumänische Literaturentwicklung strukturbestimmende Folgen zeitigte, die Celan mit größtem Interesse verfolgte und ihn in seinen muttersprachlich und bildungsmäßig geprägten Präferenzen bestätigten (in diesem Sinne also auf ihn katalytisch Einfluss nahmen), scheint der Romanistin Wiedemann nicht in ihrer vollen Tragweite bewusst geworden zu sein. Ihr Vorwurf, wir seien auf andere Autoren nicht eingegangen, die sie als die einzigen “amis poètesCelans in Rumänien zu identifizieren glaubt, klingt angesichts der recht mageren und der Erhellung des Celanschen poetischen Universums sich als nicht zweckdienlich erweisenden Ergebnisse ihres nächsten Abschnittes (S. 101-112) wie ein Hohn. Waren also die großen rumänischen Lyriker Philippide, Arghezi, Blaga (aber auch Ion Barbu u.v.a.m.) für Celan “natürlich gewachsener Hintergrund”, so weiß man nun, dass dessen “Konotationsbereich” von Wiedemann nicht “aktiviert werden” (S. 189f) konnte.

  • Im Abschnitt “Surrealismus in Bukarest” ließ sich Wiedemann dagegen von Guţus Überlegungen (über Motivik, Oberflächen- und Tiefenstruktur etc.) am aufnahmefähigsten anregen. Dass sie uns hier ihrer kritischen Aufmerksamkeit für nicht mehr würdig hielt, hängt wohl mit diesem Sachverhalt zusammen. Dabei tut sie zugleich weitestgehend so, als entdecke sie selbst in Sachen rumänischer Nachkriegs-Surrealismus Amerika (da sie auf die Sekundärliteratur, aus der sie allerhand schöpft, keine direkten Hinweise mehr anbringt) - eine recht unverständliche Haltung der doch so anspruchsvollen Philologin!

  • Ebenfalls unverständlich bleibt die Nichtangabe einer gewissen Quelle für ihre Feststellung im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme der Kontakte Celans mit den Rumänen: “Dieses biografische Faktum überzubetonen ist sicherlich abwegig, aber es gilt zu bedenken, daß die Gedichte der gleichen Zeit, nämlich die der ‚Niemandsrose’... parallel dazu erstmals wieder explizit rumänische Elemente einbringen” (S. 149; mit solchen Feststellungen möchte Wiedemann sicherlich nicht etwa selbst zur “Stärkung des nationalen Selbstgefühls” [S. 3] der rumänischen Germanisten beitragen - oder?). Diese Quelle wird anderorts im Sinne der Forschungsethik richtig angegeben: “Interessanterweise lassen nach Guţus Analyse die Bezüge auf die Bukowina in den Bänden ‚Von Schwelle zu Schwelle’ und ‚Sprachgitter’ nach, um verstärkt im Band ‚Niemandsrose’ wieder aufgenommen zu werden. Nach Gutu setzen mit dem Band ‚Die Niemandsrose’ die «substanzielleren Bezüge auf Rumäniens Menschen und geistige Landschaft an. Mit diesem Band beginnt eine stetige Rückwendung Celans an die echten Werte seiner Rumänien-Zeit». Dieser Befund von Guţu korreliert mit Schlussfolgerungen, die man aus der Werkgenese und der Rezeption des Werkes ziehen kann.” (Ulrich Konietzny)

  • Auch auf die evidente Anregung durch manche unserer Ausführungen zu den Bildstrukturen sowie zu den Hauptthemen und -motiven Celanscher Frühlyrik hätte Wiedemann mindestens hier und da mal (von uns aus auch kritisch) hinweisen sollen, denn der - sehr ausführliche - III. Teil ihres Buches (“Individualität und Entwicklung”) bestätigt im großen und ganzen unsere Analyse der Celanschen Frühlyrik. So sagten wir z.B.: “Das völlige Fehlen des Wortes ‚Wort’ [in den 31 von uns analysierten Gedichten; dies scheint Wiedemann bewusst missachtet zu haben, um ihren fragwürdigen “Schluß” über “Guţus Schluss” zu formulieren; G. G.] deutet darauf hin, dass die spätere Wortthematik (Dichtung als Sprechakt und Existenzmöglichkeit) hier nur ansatzweise und tastend [unsere Hervorhebung, G. G.] behandelt wird.” Diese Aussage, die Wiedemann für “widersprüchlich” hält, entspricht eigentlich voll und ganz einer ihrer Feststellungen auf der nächsten Seite: im Frühwerk Celans sei eine “Sprachauffassung” evident, die “noch nicht explizit poetologisch gefasst” sei (S. 253; unsere Hervorhebung, G. G.).

Es muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Studie von Wiedemann-Wolf eine ganze Reihe interessanter Interpretationen beinhaltet, dass also angesichts der Vorzüge ihrer Untersuchung die Auslassungen gegen einen vorangegangenen Celan-Beitrag zum gleichen Gegenstand (Celans frühe Lyrik), ihre bedauernswerten Entstellungen und Attacken unverständlich sind. Man hätte noch viel mehr Aspekte dieser Studie besprechen können. Zu der Behauptung, Celan habe eine “völlig eigenständige” Gedichtform entwickelt, das “daktylische Langzeilengedicht” (S. 179), muss gesagt werden, dass es schon beim Expressionisten Sperber, bei Blaga und bei manchem Surrealisten vorkommt. Wiedemanns allgemein gehaltene, ästhetisch anspruchslose Erörterung des Begriffs Erlebnislyrik ist äußerst anfechtbar. Sehr labil ist außerdem die Grundlage, auf die sie ihre ganzen Hypothesen aufstellt: die vorhandenen “Konvolute” und “Typoskripten Celanscher Frühlyrik lassen viele Fragen aufkommen, die wir in einem gesonderten Beitrag anzugehen gedenken. Auffallend pauschal und oberflächlich ist die Bewertung anderer Bukowiner Lyriker (Goldfeld, Rosenkranz etc.) durch die Verfasserin. Doch die Vertiefung all dieser Aspekte hätte viel zu weit geführt.

Celans Frühwerk wird die Forschung noch lange beschäftigen, viele der Klärung bedürfenden Fragen stehen noch an. Eine Diskussion ist demnach unumgänglich. Diese hat jedoch in den Grenzen der Forschungsethik zu verbleiben. Denn die Forschungsrezeption hat schließlich und endlich forschungsdienlich zu sein. Die Forschungsrezeption hängt mit dem Werkverständnis eigentlich viel mehr zusammen, als manch einer wahrhaben will.

 

(Anmerkung: Leicht veränderte Fassung; die fett hervorgehobenen Stellen sollen Kernaspekte besonders augenfällig werden lassen.

G.G., Oktober 2004)

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