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Dieter Schlesak

 

Paul Celans Herkunft als Schlüssel zu seinem Gedicht (II)

In: Rowohlts "Literaturmagazin" Nr. 10

(s. auch am Ende des Aufsatzes!)
(http://www.geocities.com/transsylvania/celan.html)

Peter Szondi hatte davor gewarnt, Celans Gedicht biographisch zu deuten, Celan selbst riet, sich an seinem Gedicht "wundzulesen"; doch seine Briefe, vor allem ins ehemalige zuhause, beweisen, daß es hier eine Art Berührungstabu gab; jedenfalls ist die Ansicht, seine Gedichte hätten sich auch ohne biographische Beigaben durchgesetzt, irrig, denn ohne das deutsche und europäische Schuldgefühl, ohne die Diskussion um die "Dichtung nach Auschwitz" und die Holocaustdichtung, wären seine schwierigen Textgewebe wohl nicht weltbekannt geworden, und heute vielleicht nur noch wenigen Lyrikliebhabern und Spezialisten bekannt.

Gerade weil diese Dichtung mit dem Biographischen steht und fällt, nimmt die Flut der lebensgeschichtlichen Deutungen, Materialien, Quellen, Nachlaßveröffentlichungen zu. Lange Zeit herrschte in Westdeutschland der Eindruck vor, als wäre diese Lyrik wäre vom Himmel gefallen, gab es in den fünfziger Jahren ein esoterisches Interpretations-Geraune, worüber sich Celan in seiner krankhaften Verletzlichkeit selbst beklagte, und als ihm dann die Fragen nach seiner Herkunft zuviel wurden, da wollte er diese ausklammern; der sonst in Daten so peinlich Genaue widersprach seinen Verlegern und Interpreten nicht, die an einer Auschwitz-Legende seiner Dichtung bastelten, machte es nie wirklich öffentlich (auch wenn viele Andeutungen, allerdings nur in seiner frühen Lyrik zu finden sind), daß seine Mutter, die im Zentrum seiner Dichtung steht, in einem rumänischen Lager am Bug in der Ukraine war, und nicht in Auschwitz.

Doch die Metapoesie, die gegen sich selbst gerichteten Sprachabgründe dieser Gedichte sind gerade aus einer Chiffre der Undenkbarkeit und Unvorstellbarkeit des Geschehens entstanden. Und: Celans Gedicht, das die wenigsten, die es loben und analysieren, in ihrer unzugänglichen Tiefenstruktur wirklich begreifen können, kam dem Zeit-Trend einer allgemeinen Schuldempfänglichkeit und der Bestürzung nach Auschwitz und Hiroshima entgegen, wie George Steiner richtig bemerkt. Diese Lyrik übersteht und übergeht sich selbst an der Grenze unserer Vorstellung. Sie will an dieser Grenze im eigenen Wort vergehen. Sie will metasprachlich und meta-physisch auf ganz neue Art, jedoch keineswegs im luftleeren Raum, sondern ganz "postmodern" zitatenbesessen und sogar traditionsversessen im Detail unverwechselbar Celan sein. Es gehört eine große und subtile Deutungs-Anstrengung dazu, die Hintergründe und "Einstellungen" aus dieser Perspektive richtig zu erkennen. Dieses ist mit germanistischem Rüstzeug allein fast unmöglich, da es um ein enzyklopädisches Gedicht eines alle Literatur überschreitenden interdisziplinären und intuitiven Sprachraum geht. Vor allem geht es (bis in alle Abgründe und Traditions-Tiefe) immer wieder neu um das gleiche Thema, oder eher "Pneuma", wie Felstiner sagt: das eigene Judentum zu erfassen und zu erkennen, "was der Menschheit zwischen 1933 und 1945 widerfuhr."Celan ist "Hauptzeuge", er ist mit einem wunden Bewußtsein um die Dimension der Shoa begabt. Gäbe es dieses Thema der Auslöschung, des "Verstummens" angesichts des Geschehenen nicht, wäre auch der gegenwärtige Celankult unerträglich, der nun alles, auch den letzten Satzfetzen ans Licht der Öffentlichkeit zerrt. Gottseidank ist wenigstens Celans Tagebuch noch unter Verschluß, und ebenso wie die Diagnosen und Krankenakte während seiner Aufenthalte in Heilanstalten. Doch was jetzt zum Vorschein kommt, widerspricht der Heiligenlegende, die schon Bücher zur "Übertragungstechnik" seiner Übersetzung hervorgebracht hat. Auch eine Ausstellung mit einem Wälzer von Katalog im "Literaturarchiv Marbach" gehört zu dieser Emsigkeit. Gerade diese Ausstellung bringt an den Tag, wie wenig penibel Celan beim Übersetzen war. So etwa bei den Übersetzungen aus dem Rumänischen, wobei auch "aus dem Rumänischen" falsch ist, er hat ausgerechnet diese Lyrik seines Herkunftslandes und von Bekannten aus dem Französischen übersetzt, und die Fehler der Übersetzung (schamhaft nur mit Initialen bezeichnet: Mlle J.R.) brav mitübersetzt! (Virgil Teodorescu und Gellu Naums Gedichte aus den Cahiers du Sud. Marseille. Anneé 33, 1946, No.280, S. 382/83). Dabei wird im Französischen aus "focá" (Seehund) im Gedicht "Die ertrunkene Schloßfrau" von Teodorescu " "vaste foyer" und bei Celan ein "Feuerkern", S. 131. Als hätte Celan Teodorescu und Naum nicht gekannt! Fehler über Fehler im Rumänischen des Katalogs: so "clátinándu-se" anstatt "clătinîndu-se" (von clătinare: Schwenken, Schwingen, Schwanken), besonders peinlich auf S. 62 das rumänische Celangedicht "Cântec de dragoste" mit drei Fehlern "fodforescentti" (anstatt fosforescenţi: im Dunkeln leuchtende, in der beigegebenen schlechten Übersetzung dazu, hat man sich "im Dunkeln" erspart); kaum entschlüsselbar ist "revtarsa", was wohl "revărsa" heißen soll! Und das sind nur einige Beispiele! Verantwortlich zeichnet Barbara Wiedemann. Daran sieht man, daß die Herausgeberin des Frühwerkes von Celan des Rumänischen nicht ausreichend mächtig ist, von den Kenntnissen in Sachen rumänischer Literatur ganz zu schweigen.

Unser verrücktes Jahrhundert will es, daß der meistinterpretierte deutsche Dichter nach 45 gar nicht in diesen deutschen und westlichen Kulturkreis gehört, und daß die wichtigsten Struktur-Sprachen seiner Poesie den Deutschen so fremd sind, wie er ein fremder Gast für die Deutschen war und ist! Er lebte nicht nur nicht in Deutschland, kam nicht aus Deutschland, sondern kam von weiter als weit her, nicht nur aus der Bukowina, aus Transnistrien, aus dem Russischen, dem Rumänischen, Jüdischen, Französischen, sondern auch aus dem Gegen-Deutschen: das Deutsche war die Sprache der Mörder seiner Mutter! Daraus entstand eine aus dem Trauma und den Grenzzuständen (bis hin zum Wahnsinn) geborene Privatsprache, aus der weder die Kabbalah noch die entscheidenden Einflüsse, die aus dem rumänischen Surrealismus kamen, wegzudenken sind. Um diesen nachgehen zu können, muß ein Interpret freilich sowohl die Kabbalah kennen, als auch des Rumänischen kundig sein, was bei den meisten Germanisten und Celanexperten nicht der Fall ist! Und eigentlich dürfte sich niemand "wissenschaftlich" auf das Frühwerk Celans einlassen, der des Rumänischen nicht ausreichend kundig ist. Von Kenntnissen in der Tiefenstruktur der Kabbalah ganz zu schweigen. Weiter gehören zur Aufschlüsselung dieser Privat- und Metasprache auch Kenntnisse der Atomphysik, und das Eingehen auf eine ganz besondere Perspektive der Vielsprachigkeit, Vielortigkeit, U-Topie des "Meridians" in Celans Sinn als einer höheren Heimkehr in den größten Sinnzusammenhang, der nur mit einem Blick aus der Zukunft, also vom Tode her erfaßbar ist, und dieses schon bei Lebzeiten auf der Erde, "wo ich zu Gast gewesen sein werde". Celan ist ein metasprachliches, zwischenschaftliches Phänomen par excellence, und daher nur in "wundlesender" An-Gleichung an diesen Zustand zu begreifen.

Man kann Peter Motzan nicht zustimmen, der in einem, sonst sehr informativen und glänzend geschriebenen Aufsatz meint, daß "Paul Celans Texte befragt, entziffert, kommentiert...", das Frühwerk "erschlossen" sei, und daß die "entstehungsgeschichtlichen Voraussetzungen und kon-textuellen Bezüge durchleuchtet worden" seien. Motzan zitiert dabei auch zwei Bände des Bukarester Germanisten George Guţu: "Die Lyrik Paul Celans und der geistige Raum Rumäniens," Bukarest 1990 und "Die Lyrik Paul Celans und die rumänische Dichtung der Zwischenkriegszeit," Bukarest 1994, die von der Celan-Forschung kaum beachtet wurden. Dabei hat George Guţu Pionierarbeit geleistet, sowohl, was die frühen Übersetzungen, als auch was die frühen Gedichte Celans betrifft. Und darauf baute dann die westliche Celan-Forschung auf, ohne diese Basisarbeit der Wahrheit gemäß zu würdigen. Vor Guţu hatte Werner Söllner die ersten frühen Gedichte in der "Neuen Literatur" veröffentlicht. Guţu schrieb 1977 die erste wissenschaftliche Arbeit, eine Leipziger Dissertation, über diese frühen Gedichte. Zu recht weist der Bukarester Germanist darauf hin, daß seine Forschungsarbeit ohne Namensnennung von westdeutschen Germanisten ausgeschlachtet, er bestohlen worden sei.

Zu bedauern ist auch der Hochmut, mit dem die "kleine" rumänische Sprache und Literatur, der Celan wesentliche Einflüsse zu verdanken hat, von westdeutschen Germanisten bedacht wird. Auch Wiedemann-Wolf schreibt in ihrem Buch über "Surrealismus in Bukarest", "als entdecke sie Amerika" (Guţu). Man hat den Eindruck, als sollten die Forscher vor Ort ausgetrickst werden, um die lästige Konkurrenz auszuklammern. Rumänien ist weit, rumänische Kultur ist abseitig, kann leicht "vergessen" werden. Manchmal entsteht der Eindruck, als wäre es eine "Jugendsünde" Celans gewesen, sich mit ihr einzulassen. Dabei war es damals (1938-1948, vor allem 1944-47) das Lebenselement, aus dem er nicht einfach "herausgenommen" und "gereinigt" werden kann. Ebensowenig vom Jüdischen, das seine Substanz ausmacht, wie Hans Mayer betont, das Jüdische ist nicht etwa nur eine Art "Bekenntnis"! Auch die Freundschaft Bachmann-Celan, beruht auf diesem Ursprung. Die beiden waren Fremde in der Gruppe 47. Celan paßte nicht in diesen deutschen Dichterkreis, er verzauberte nur die Bachmann, die sich ihm anglich. Die anderen lehnten den Fremden ab. Später aber paßte ihn sich die westdeutsche Germanistik an, eignete sich ihn an, verbog ihn zum "deutschen Dichter". Dabei stimmt nicht einmal der deutsche Grundmythus: seine Mutter starb in einem rumänischen, nicht in einem deutschen Lager. So die Grundtatsachen uminterpretierend, legendenbildend, entstand aus der "fuß- und zehnötlich geschützten" Fleißarbeit diese auf sich selbst bezogene Legende, der fast schon west-deutsche Dichter "Celan", ein bienenfleißiger Editions- und Fußnotencelan aus dem Nachlaß (obwohl Celan es ausdrücklich anders bestimmt hatte!) So eingemeindet entsteht ein nur mit westdeutschen Publikationen aufgebautes monsterartiges Monument - (der Band "Die Gedichte aus dem Nachlaß" enthät c.a 300 Seiten Celantext und 250 Seiten Kommentare und Fußnoten!), zugeschüttetes Leben und letztlich ein Phantombild, so daß der Verbitterte (man kennt den Ton aus den Briefen an Sperber) lange - und über das Grab hinaus, in diesem Punkt recht behält, er nie selbst sein durfte und darf (sondern "ein herkunftsloser Steppenwolf" bleibt!) Die Herkunft, das jüdische Element und das Rumänische störte, wurde von dem eigentlichen (kaum bekannten) Umfeld gelöst, ein handlicher westdeutscher Germanistencelan sollte hergestellt werden.

Wohltuend dagegen ist die Forschungsarbeit des Bukarester Germanisten George Guţu, dieser beschreibt etwa die rumänische Literaturaura als einer, der sie von Grund auf kennt, mit ihr aufgewachsen ist.

Man liest Guţus Arbeit Seite für Seite mit Faszination und innerer Anteilnahme, es ist eine schöne und formulierungsgenaue Analyse, stringent und vor allem sehr gut untermauert, sachlich vom Material her, auch wenn dann bei der Einzel-Interpretation sicher abweichende Meinungen auftreten können.

Die beiden Bände George Guţus über die "rumänische Koordinate der Lyrik Paul Celans" beruhen auf seiner Leipziger Dissertation (1977). Band I (1990) geht auf bisher noch wenig bekannte Aspekte des frühen Celan ein, auf den geistigen Raum der Bukowina, auf die Bukowiner Dichtung (Sperber, Kittner, Rosenkranz u.a. - eine der besten Analysen dieser Dichter, die es gibt!), auf den Werdegang Celans, sowie auf seinen Bukarest-Aufenthalt 1944-1947 und die äußerst fruchtbare Interferenz mit dem rumänischen Surrealismus, die Guţu zum erstenmal erforschte; ebenso wurden in seiner Dissertation die bisher unveröffentlichten Celan-Briefe, Gedichte, Prosatexte - auch die in rumänischer Sprache -, gesammelt und dieses wichtige Material der Forschung zur Verfügung gestellt. Die Impulse von 1977 sind von der Forschung kaum aufgenommen, und wie wir sahen, oft genug übergangen und ohne Hinweis ausgeschlachtet worden.

In Band II werden die "Interferenzen" Celans mit den rumänischen Klassikern der Moderne (Philippide, Arghezi, Blaga) herausgearbeitet. Die methodologischen Prämissen, die theoretischen Überlegungen des ersten Bandes dienen dabei als Ausgangspunkt, vergleichende Literaturwissenschaft steht im Zentrum, ebenso "Mentalitätsgeschichte", um das gesetzte Ziel, den geistigen Umraum und den Zeit-Geist, vor allem zwischen 1938 und 1948, in seiner Wirkung auf Celans Frühwerk zu erforschen. Dieses ist oft mißverstanden worden, Guţu möchte weniger direkten "Einflüssen", eher Kontexten und Wahlverwandtschaften im Frühwerk Celans nachgehen, wobei freilich manchmal Überdehnungen der Parallelen und Interferenzen und subjektive Deutungen das Bild etwas unscharf werden lassen.

Wichtigste Einsicht bei diesen Interferenzen ist, daß auch bei Celan die Grenze zwischen Lebenden und Toten aufgehoben ist, wie etwa bei Blaga - ein fließender, ununterbrochener Dialog mit den Toten entsteht (wobei der Rilke- oder Novalis-Einfluß ebenso stark gewesen sein dürfte!) Dieser Dialog geht über Zeit- und Raumgrenzen hinaus, er ist bei Celan ein eigener Raum der Begegnung mit den Opfern.

Die abenteuerlichen "komparatistischen Extravaganzen" Guţus, wie es ein Kritiker nannte, kommen in einem tieferen Sinn in diesen Zwiespalt, vieles ist hinfällig, einiges jedoch bleibt ganz gewiß bestehen, so der direkte Arghezi-Einfluß bei "Ein Lied in der Wüste" und bei anderen Gedichten. Wobei es vielleicht gut gewesen wäre, etwa beim "Grab in den Lüften" und beim "Schaufeln" (S. 38/39) auch mit den hebräischen Interferenzen zu beachten, und einer Kontamination nachzugehen. Ebenso beim Begriff "Nichts"(49) (Gott ist im Hebräischen gleich mit dem Nichts). Und was das Ketzerische und den Gottesfluch betrifft, die negative Mystik und die Umkehrungen in der "Niemandsrose", da gibt es sicher nicht nur eine Arghezikontamination, sondern auch einen Einfluß von Sperbers "Ketzerevangelium".

Doch bei aller Kritik im einzelnen, bleiben Guţus Bücher ein wichtiger Anlaß, das "Ausgeklammerte" in Celans Herkunft genauer zu sehen! Keiner wird Celans Frühwerk wirklich begreifen und verstehen können, ohne die von Guţu aufgewiesene Komponente gründlich zu kennen. Und vielleicht wird die Zeit kommen, wo ein Doktorand in Sachen Celans Frühwerk die ausreichende Kenntnis des Rumänischen als Auflage erhält, was für Celanspezialisten erst recht gelten sollte!

Aber wichtiger als diese Komponente (vergleichende Literaturwissenschaft) ist die ursprüngliche erste Ordnungs- und Kärrnerarbeit Guţus und die "Ausgrabung" bis 1977 völlig unbekannter Celan-Texte. Ebenso auch diese Hinweise auf die Bedeutung des rumänischen Herkunftsraumes, der von den westdeutschen Germanisten einfach "vergessen" worden war. Dieser Raum wirkte auf Celan auch in Paris weiter, blieb ein "Schlüssel zu seinem Gedicht" und wurde noch gesteigert durch das Vakuum und die nostalgischen Rückträume des Exilierten, durch das Lager- Trauma und die Erinnerung an die Ermordung seiner Mutter in Transnistrien, es war der wichtigste Antrieb seines Schreibens. Die westdeutsche Celanforschung vernachlässigte diesen Schüssel nicht nur, sondern, wenn sie darauf einging, wurde der Ton nicht selten aggressiv und unkollegial wie bei Barbara Wiedemann . Zu recht beklagt Guţu diese Tendenz. Und unterstreicht Wiedemanns herablassende Art, die wichtigsten rumänischen Dichter als "Stiefkinder der Weltlitertur" zu apostrophieren, obwohl diese der Westdeutschen nur durch "eingestandenermaßen - prekäre Sprachkenntnisse und Lektüre" bekannt sind.

Nicht nur Romul Munteanu, auch Jürgen P. Wallmann und Andrei Corbea sprechen in ihren Arbeiten über diesen wunden Punkt. Vor allem wird die Diskriminierung der Forschungen und Veröffentlichungen im Herkunftsland Celans zurückgewiesen. Nicht nur Guţus Arbeit ist gern "vergessen" worden, sondern die Aggressivität gegen jede Sekundärliteratur aus dem rumänischen Bereich erscheint geradezu peinlich. Als gäbe es eine tiefliegende Angst bei diesen "Einmischungen" und "Störungen" aus jener Gegend, wo ja die eigentliche Kompetenz und Kenntnis der Umstände liegen, in denen Celans Frühwerk entstanden ist, woher die Urmanuskripte des Frühwerks naturgemäß herkommen und ein Teil auch schon veröffentlicht wurde, bevor die westdeutsche Germanistik überhaupt etwas davon ahnte! Celan debütierte sogar mit einer rumänischen Übersetzung seiner "Todesfuge", ("Tangoul morţii", Contemporanul, 2. Mai 1947). Celan schrieb auch rumänische Texte. Sein Freund Petre Solomon hat diese 1987 herausgegeben. Erstaunlicherweise kommen Guţus Arbeiten auch bei Solomon nicht vor.

Guţu bietet in Band II seines Werkes im Anhang eine ausführliche Chronologie des tatsächlichen Standes und Veröffentlichungshergangs der diversen Bukarester Konvolute des Frühwerks (denn andere gibt es naturgemäß nicht!)

Was die westdeutsche Germanistik zum Frühwerk zu bieten hat, ist in Fleißarbeit "angelernt" und angeeignet, nicht nur die Materialien selbst, sondern vor allem auch die vielen Interferenzen mit der rumänischen Sprache und Literatur, ja, was die Wertung Celans als rumänischer Poet betrifft, der mit seinen rumänischen Texten zur rumänischen Avantgarde gehört, ja, erst durch den befreienden Kontakt mit den besonderen semantischen Strukturen des Rumänischen seinen eigenen metasprachlichen Stil im Deutschen entwickeln konnte, die seine freie Assoziationsfähigkeit in der Sprachphantasie schulten, es ihm erlaubten, die Sprachgrenzen dieser Mutter-Sprache anders zu sprengen, als das bisher geschehen war, und den Sprachschock zu üben, ebenso haben die hebräischen Einflüsse dazu beigetragen; die westdeutschen Wertungen, die den rumänischen Stil-Einfluß bei Celan eher als vernachläßigenswerten Seitensprung und reines Probieren ansehen wollen, bleiben oft schülerhaft und wenig überzeugend! Eine stringende poetologisch-linguistische Analyse, die auch Celans Übersetzungen ins Rumänische mit zur vergleichenden Analyse heranzieht, steht leider noch aus! Ebenso wenig überzeugend sind Wiedemanns Wertungen zur jüdischen Dichtung der Bukowina, Wertungen, deren Überheblichkeit kaum zu überbieten sind! Und diese Texte wurden freilich, wie ein Großteil des deutschen Frühwerks auch, zuerst im Herkunftsland veröffentlicht. Die westdeutsche Forschung verschweigt oder diskriminiert diese Tatsache. Man kann dieses durchaus als Skandal bezeichnen, und es wurde von Kritikern auch als solcher erkannt, etwa daß die merkwürdige "unsinnige Ausschluß-Klausel" (J.P. Wallmann) von Barbara Wiedemann-Wolf, die sich durch einen kurzen DAAD-Aufenthalt in Rumänien das Recht erworben zu haben meint, einzige Kennerin der rumänischen Phase Celans (38-48) auftreten zu dürfen, und die in ihrer Arbeit über das Frühwerk Paul Celans und dann in ihren fleißigen Herausgeberbemühungen Erstdrucke und Erstveröffentlichungen im Herkunftsland als "nichtautorisiert", die eigenen (nachgedruckten) aber als "autorisiert" bezeichnet, und so sich jede Celan-Erstveröffentlichung selbst zuschanzen möchte. "Mangel an philologischer Sorgfalt ist das Mindeste, was man ihr vorhalten muß. Paul Celan und seine Leser hätten eine korrektere Editionsarbeit verdient," heißt es bei J.P. Wallmann. Und ähnlich äußert sich ein anderer Kenner der Materie, der Germanist Andrei Corbea von der Jassyer Universität, der "mit Verwunderung" dieses koloniale Verhalten der Herausgeberin registriert, die sich ins Unrecht setzt, indem sie George Guţu und Petre Solomon Unrecht tut, deren Arbeit entweder diskriminiert oder völlig totschweigt.

Die eigene Haltung Celans zu diesem Frühwerk war kontrovers, im Grunde aber neigte er zu einer Veröffentlichung; im "Meridian" bezieht er sich auf diese; und vieles in den Briefen (vor allem an den Mentor und Freund Alfred-Margul Sperber nach Bukarest) spricht dafür, daß er eine Ausgabe plante. Die Witwe jedoch war strikt dagegen, und sie überzeugte anscheinend auch den (inzwischen verstorbenen) Herausgeber der Gesamtausgabe Beda Allemann (Bonn) davon. So erschien nach 1970 ein Teil des Frühwerkes nur in Rumänien. Und genau diese "Ausgrabungsarbeit" ist die Basis jeder Kenntnis des Frühwerkes. Nicht nur Israel Chalfens Buch ("Paul Celan. Eine Biographie seiner Jugend", Frankfurt a. Main 1979) sondern vor allem das Celan-Colloquium in Bukarest 1981 schufen die Grundlagen zur Kenntnis dieser Zeit. Und auch das berühmte "Marbacher Konvolut", das heute die Manuskript-Grundlage für das Frühwerk ist, müßte^in großen Teilen und den Tatsachen entsprechend, Sperber-Konvolut genannt werden, denn es stammt aus dem Nachlaß des Bukowiner Celan-Freundes und Mentors Alfred Margul-Sperber. Doch mit dieser Übereignung und den bienenfleißigen Celan-Editionen in Westdeutschland dürften die eigentlichen Hintergründe des Frühwerkes, die Wahrheit über den frühen Celan, sowie die Arbeiten der Celan-Forscher aus dem Herkunftsland nicht zugeschüttet werden.

Paul Celans Herkunft als Schlüssel zu seinem Gedicht (II), in: "Südostdeutsche Vierteljahresblätter", 3/1998, und in: Wehn vom Schwarzen Meer. Literaturwissenschaftliche Aufsätze, Hrsg. George Guţu, Editura Paideia - D.O.R. GmbH, Bucureşti 1998, Celaniana: S.223-241

[Siehe dazu auch:

http://www.ggr.ro/wiedemann.htm]

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