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100jähriges Jubiläum

des Germanistikinstituts

 der Universität Bukarest

 (1905-2005)

  

Dieter Schlesak

 DIE ZWISCHENSCHAFT

Ansprache anlässlich der Verleihung des Dr. honoris causa

der Universität Bukarest (7. November 2005)

 

Meine Damen und Herrn, es ist nicht nur ein großes geistiges „Andenken“, ja Werk- aber auch Gefühlsabenteuer, dass ich heute am 7. November an meiner alten Alma Mater den Ehrendoktor erhalte, nein, es ist wie eine schöne neue Heimkehr aus einer fast vierzigjährigen, sehr lange diktaturbedingten Fremde: 40 Jahre zwischen Sprachen und Ländern, heute nun Heimkehr aus dieser „Zwischenschaft“ zu einer festeren terra cognita einer neuen Zugehörigkeit. Und mein Dank gilt heute dem Rektor der Universität Bukarest, Herrn Prof. Dr. Ioan Pânzaru, Frau Dekan, Prof. Dr. Alexandra Cornilescu, den Vertretern der akademischen Gremien, im besonderen Professor Dr. George Guţu für seine mit mir und meiner zwischenschaftlichen Heimkehr tief mitempfundenen Laudatio, die mit dieser Ehrung mein literarisches Werk mit krönt, zu ihm gehört, weil sie den Bogen schlägt zu meiner alten Uni. Hier nun fast nach einem halben Jahrhundert traumatischer Zeit, die geliebte rumänische Kultur und Sprache immer inmitten, sind in mir noch die Stimmen der Kollegen und Freunde wach; und ich möchte die heutige Ehrung nicht nur auf meine Person bezogen wissen, sondern auch auf meine Kollegen der sechziger Generation, die unter Druck bedeutende geistige Werte hier und in aller Welt geschaffen haben, vor allem auf jene, die in Diktaturzeiten wegen ihres Talentes leiden mussten. Viele Generationskollegen leben nicht mehr; und doch höre ich sie, so höre ich die Stimme meines toten Freundes Nichita Stănescu: „Singurele lucruri reale, singurele lucruri pe care le ducem cu noi până la urmă sunt propriile noastre sentimente, dragostele noastre… Mă-ntreb: noi, la capătul vieţii noastre, ce-am lăsa în afară? Bănuiesc că putem lăsa nişte sentimente... de dragoste mai ales.“ Ja, eingedenk sein dieser Liebe, die mich in der Fremde geleitet und behütet hat, die Erinnerung, das Land und die Unsterbliche Geliebte, die Kunst, wurden zu einem Leben und Werk. Eine Liebe, die auch ein Raum der Vermittlung zwischen der deutschen und rumänischen Literatur war, ans Zentrum meines Werkes rührt, nun mit dem Glück der Verbindung auch durch den heutigen Tag. Sagen wir es scherzhaft, dass die immer ferne Geliebte Rumänien, dass Ferne und Trennung meine erkennende Liebe gesteigert und wach gehalten hat!

Nun Rückkehr, Wiederkehr. Die Tür aber bleibt, die verschlossene, die offene? Die Angst des Draußen-vor-der-Tür-Stehens? Des Ausgeschlossen-Seins? Mir ist, als wäre ich heute auf ganz besondere Weise wieder eingelassen worden.

Doch lassen Sie mich auch etwas Scherzhaftes zu meiner fast naturgegebenen „Zwischenschaft“ sagen, die ja auch mein bestes Erkenntnismittel ist, dieses Nicht-Dazugehören, dieses zwischen alle Stühle Gefallen-Sein. Schon in Bu­karest, bevor ich Deutschland kannte, bevor ich überhaupt die Grenze meiner Heimat Rumänien überschreiten durfte, wo nur in der Sprache diese Sehnsucht saß, wie ein verhindertes Fluggerät, ein Vogel mit gebundenen Flügeln, ein Mensch, der einen Vogel im Kopf hat, da wurde ich gefragt, es war um 1964: was ich denn eigentlich sei, ein Rumäne doch nicht, du bist ja als Siebenbürger Sachse geboren, aber ein Deutscher bist du doch auch nicht: du warst ja noch nie in Deutschland? Du musst ein Jude sein. Als einem Deutschen mit seinem Schuldgefühl kam das einem kleinen Schock gleich! Weil sich jeder deutsche Autor naturgemäß mit Jüdischem beschäftigen muss, und ich es ein Leben lang auch getan habe, mein jüngstes Buch ist ein Roman über den Auschwitzapotheker Capesius, einem transsylvanischen Landsmann! Doch - Stimmt es etwa nicht, das mit dem Jüdischen? Von Marina Zwetajewa, der russischen Lyrikerin, stammt ein erhellendes Wort: Bce poety jidy - alle Dichter sind Juden, d.h., sie bleiben immer Fremde und sie gehen einem Handwerk nach, das, laut Paul Celan, keinen Goldenen Boden, sondern überhaupt keinen Boden hat. Identität gibt es also für diese „Fremden“ nur punktuell, nämlich im Augenblick der inspirierten Selbstherstellung via Schreiben, denn Sprache ist der einzige feste Boden, die stärkste Kraft dieses verhinderten Vogels, der da Mensch heißt.

Aber nicht nur die Herkunft hat mich zum Zwischenschaftler gemacht, sondern auch die rote Diktatur, sie hat die Verletzlichkeit und die Sprach-Hellhörigkeit in ihren Gefahrenzonen - für ein Gedicht konnte man jahrelang hinter Gitter kommen, wie mein toter Freund Ion Caraion. Sprachangst aber hat den Sprachmut und Sprachsinn enorm geschärft. Ich bin davon überzeugt, und dieses wurde auch nach meiner Herausgabe der vielleicht umfangreichsten deutschen Anthologie (450 Seiten) rumänischer Gegenwartslyrik „Gefährliche Serpentinen“ in Berlin, vielfach analytisch-lobend geschrieben, dass die Weltklasse rumänischer Gegenwarts-Poesie genau auf diesen Erfahrungen und diesem verletzlichen Erleben von Sprache beruhe.

Es gab damals, diese besondere Kunst der Zwischenschaft, eine Art Interlinearversion, Versteckspiel mit der Metapher, um mit der Wahrheit an den Leser zu kommen, ohne von der Zensur ertappt zu werden. Unsere Generation, die sechziger Generation, vor allem ihr Geist lebt auch in meiner Sprache, in meinem Werk, ihr fühle ich mich zugehörig, vor allem dem Geist ihres wichtigsten Repräsentanten, meines zu früh verstorbenen Kollegen und Freundes Nichita Stănescu, dessen Elf Elegien eben in meiner Übersetzung und mit meiner neuen Deutungs-Studie in Deutschland erschienen sind. Stãnescu ist meiner Meinung nach als Dichter in finsterer Zeit ein Pendant zu seinem Landsmann Paul Celan; Celan sublimierte das Trauma der Nazizeit zur abgründigen Metapoesie, Stănescu das Trauma der fünfziger und sechziger Jahre roter Diktaturzeit. Was aber die rumänische sechziger Generation und besonders Stănescu dazu befähigte diese abgründige Metasprache der Weltsprache der Poesie zu schenken, ist nun ganz paradox: nämlich diese Polyphonie und das ästhetisch kodierte hermetische Metaphernspiel, das auch als Ort zu sehen ist, wo man sich verstecken, wohin man flüchten und im Versteckspiel mit der Metapher auch der Zensur ein Schnippchen schlagen konnte. Das ist Geschichte. Doch das Resultat bleibt und ist merkwürdigerweise heute aktuell in der Postmoderne: Es waren Interlinearversionen, wenn auch die einer stilistisch hoch entwickelten Sklavensprache während der Diktatur, in der brisante Aussagen an den Leser gebracht wurden, vor allem „Transzendenz als Politikum“ galt damals.

War das für die Diktatur so gefährliche Unsichtbare unser eigentliches Zuhause. Aber dieses Zuhause war und ist immateriell UND irdisch wie die Sprache, wir erinnern uns: es durchkreuzt alle Tropen und trifft sich als Meridian im Pol des Einen, ist also in der puren Körperwelt nicht anzutreffen, und muss auch bei einer versuchten zu direkten, zu konkreten „Heimkehr“ wie meiner jetzt zu einer Enttäuschung werden.

Die tief in uns eingedrungene Herkunft, die wir anscheinend verloren haben, ist nur ein kleiner, aber intensiver Hohl-Spiegel für eine andere, eine verstellte Herkunft und Heimat, die viel tiefer geht und vielleicht unverstellt nur in der Bodenlosigkeit aufleuchten kann!

Es könnte sein, dass auch Constantin Noicas unübersetzbares rumänisches Grenz- und Feld-Wort „întru ceva“ (Zwischen etwas) diese Zwischenräume der Aura und des kaum aussagbaren Zustandes genau trifft; întru ist ein Limit zwischen Innen und Außen und auch beides zugleich ist, ein Dazwischen- und zugleich Inmitten-Sein, ein zu einer rätselhaften Vollendung Aufdemwegsein, das Eine, das uns nicht verlässt, unser Leben auf diese Eine Heimat zuhält, die späte, reifste Heimkehr ist.

Sie sehen, meine Damen und Herrn, wir müssen immer wieder dies umkreisen, immer wieder zum eigentlichen Herkunfts-Problem kommen, das uns in unserem Herkunftsbruch ebenfalls besonders angeht: „Zukunft braucht Herkunft.“

Wenden wir uns noch einmal unserem Begriff „Zwischenschaft“ und auch der Chance des Verlustes zu. ZWISCHENSCHAFT benennt nicht nur das Nirgends-Zuhause-Sein, das zwischen alle Stühle Gefallene, das Bodenlose, sondern inzwischen auch das heute so wichtige Interdisziplinäre, das ja das global Verbindende, ja, Vernetzte ist, sie muss der neuen Immaterialität unserer Wirklichkeit eingedenk sein, um in der wirklichen Gegenwart, in dem, was Historie heute meint, anzukommen. Auch das Handfesteste heute ist davon bestimmt: ich schrieb diese Rede in Italien auf einem PC, ich schickte sie per E-mail in Sekundenschnelle nach Bukarest, damit sie übersetzt, und so von allen hier verstanden werden kann; ich war mir bei komplizierteren Formulierungen nach 40 Jahren Abwesenheit meines geliebten Rumänisch nicht mehr sicher; und das haben viele so im Fremden gehalten, auch von Emile Cioran, erhielt ich viele Briefe, jedoch keinen einzigen rumänischen. Das Fremde ist in uns Heimatfremden zuhause, auch wenn die Geliebte Rumänien heißt. Die Trennung aber wurde von mir jetzt in zwei Stunden mit einer Boeing von Frankfurt nach Bukarest überwunden. Nicht so schnell zwar wie meine Erinnerungen und Gedanken, doch undenkbar schnell. Von unseren lichtgeschwinden „elektronischen Haustieren“, Compu­ter, Radio, Fernsehen ganz zu schweigen. Und diese lichtschnellen Hausgeräte des Alltags heute beruhen auf Formeln, die einmal „Einfälle“ von genialen Menschen waren, ähnliche „Gedankenblitze“ wie in der Poesie? Das Nicht-Materielle, das „Geistige“ bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse machen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird „objektiv“, lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Völlig im Gegensatz dazu beherrscht der krasseste Materialismus die Köpfe und das Handeln der Politiker, Ökonomen, Intellektuellen, und auch der Universitäten. Dabei lebt heute im atlantischen Raum niemand mehr in jener alten Körperwelt, heute ist niemand mehr wirklich auf einem festen Boden und nur im geliebten sinnlichen Wahrnehmungs-Raum zu Hause. Nur die arme tägliche Arbeit der Arbeitssklaven vielleicht, doch das Kapital ist immateriell, blitzschnell weltweit aktiv!! Wer meint, es gebe heute noch eine beschränkbare „Heimat“, ist hoffungslos im Gestern befangen. Für mich weiß ich, dass Künstler und Literaten Brückenbauer sein müssen zwischen der alten Sinnenwelt und jener anderen, immateriellen Welt, die geister- und geistnah ist, wo Zeit und Raum aufgehoben sind!

Meine Damen und Herren, ja, diese Grenzgänge, diese auch nach jenem Einen, einer höheren Heimkehr suchende Anamnesis in der Erinnerungsheimat eines grösseren Sinnraumes von Zusammenhängen sind das Zentrum meines Werkes. Das Motto meines Romans „Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens“ stammt aus Hölderlins „Anmerkungen zur Antigonä“, es lautet: „ … dass jedes, als von unendlicher Umkehr ergriffen, und erschüttert, in unendlicher Form sich fühlt, in der es erschüttert ist. Denn vaterländische Umkehr ist die Umkehr aller Vorstellungsarten und Formen.“

Es geht nicht nur um die lichtschnellen Geräte, die Zeit und Raum überwinden, es geht auch und vor allem um unsere Zeit nach Auschwitz, den Gulag und Hiroshima, Hiroshima, das erst durch diese lichtschnellen Geräte möglich wurde.

Wir leben in einer Zeit „unendlicher Umkehr“ durch Schock im radikalen Perpektivwandel zwischem posthumem Leben und sprachlosem Tod.

Lassen Sie mich aus meinem jüngsten Buch „Zeugen an der Grenze unserer Vorstellung“, das noch in diesem Jahr in München erscheinen wird, einen Absatz zitieren, er ist dem an der Endstation unserer Zivilisation, in Auschwitz 1944 ermordeten rumänischen Poeten und Denker Fundoianu/ Benjamin Fondane gewidmet, er lautet: „Voller Verachtung und Todesverachtung kam Fondane an jenem infernalen Grenzort an, wo alles, was die Geschichte hervorgebracht hatte, ad absurdum geführt wurde. Auch die Sprache, und gerade sie! (…) Mit seinem Tod erlebte Fondane ihren Tod. In jenem grauenhaften Augenblick, über den er nicht mehr Zeugnis ablegen kann, war alles, was er gedacht und geschrieben hatte, bestätigt worden. Angesichts der Gaskammer gilt kein Glaubens- oder Trostspruch mehr, geschweige denn Literatur. Es war etwas offenbar geworden, was nicht seinesgleichen hatte. Fundoianu hat das, worüber wir nur nachdenken können, erfahren, und dann ganz konsequent mit dem Leben bezahlt.“

Es gibt keinen Vergleich mehr. Unvergleichliches ist auch in den Diktaturen geschehen. Und der neue vielortige zwischenschaftliche Standpunkt ist nur mit einem Blick vom bewusst gewordenen eigenen und historischen Tode her erfassbar.

Sie werden verstehen, warum auch Paul Celan ein Vor-Bild für mich geworden ist, in seinem Gedicht lebte der Tod seiner Mutter an jener Endstation der Zivilisation: Celans Lyrik ist ein metasprachliches, Phänomen, Grenzgang zwischen Leben und Tod. Ein schöner Bogen auch zu unserem Fest hier, wenn ich an rumänische Urgründe, auch die Paul Celans rühre: und an die wahlverwandtschaftliche Gemeinsamkeit in meiner Celan-Forschung mit der Arbeit von George Guţu denke. Dabei geht es in seiner Arbeit auch um Kontaminationen mit rumänischer Lyrik. Und die wichtigste Einsicht bei diesen Interferenzen ist, dass auch bei Celan die Grenze zwischen Lebenden und Toten aufgehoben ist, wie etwa bei Lucian Blaga - ein fließender, ununterbrochener Dialog mit den Toten entsteht. Dieser Dialog geht über Zeit- und Raumgrenzen hinaus ins Unsichtbare, ein eigener Raum der Begegnung mit den Opfern entsteht. Das Kreative geht voraus: es ist eine Art Teleskop, Fernrohr, Elektronenmikroskop für Orte, die mit freiem Auge oder Nicht-Sprachlichem Erleben gar nicht da und nachvollziehbar sind. Und das Unsichtbare ist mehr denn je die Hirnsyntax der Geschichte. Unser Weltentwurf scheint an eine Grenze gekommen zu sein, wo es auf gewohnte begriffliche oder anschauliche und sinnliche Weise nicht mehr weiter geht. „Die Wissenschaft führt an eine Schwelle von Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt“, heißt es beim Physikerphilosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, „dies ist vernünftig. Das begriffliche Denken kann einsehen, dass es den Grund seiner Möglichkeit nicht begrifflich bezeichnen kann.“

Zu jenem Grund seiner eignen Möglichkeit des Denkens zu kommen: Das ist die Chance des geistigen, metaphorischen, also zwischenschaftlichen Brückenbaus, Chance der Literatur. Und nicht ist zu vergessen, dass das Gedicht im Gegensatz zur Macht und Zerstörung durch die „Hure Historie“, wie sie Cioran nennt, immer Gegenwart, aufgeblühtes Jetzt ist, Zuwendung, Gewährenlassen eines Anderen in uns, der inspirativ, anbindend in uns spricht, Gespräch im Augenblick, im Herzen bewegt, „Innigkeit“, Sprache so nah wie möglich im Einen, mit sich im Reinen, Heimkehr.

Die deutsche und die rumänische Fassung erschienen auch in: George Guţu, Doina Sandu (ed.), Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (II). Der Bukarester Germanistiklehrstuhl. Editura Universităţii din Bucureşti, Bucureşti 2005 (Anm. der GGR.)

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