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100jähriges Jubiläum

des Germanistikinstituts

 der Universität Bukarest

 (1905-2005)

 

Siehe auch Schlesags Blog!

 

George Guţu

 

Auf der Suche nach der Heimkehr

 

Laudatio auf Dieter Schlesak zur Verleihung der Ehrendoktorwürde

der Universität Bukarest (7. November 2005)

 

Meine Damen und Herren,

eines der Phänomene, die die gegenwärtige Welt seit einiger Zeit prägt, ist jenes des Exils und der Migration. Dies bedeutet, eine vertraute Umgebung notgedrungen zu verlassen und zugleich den Versuch zu unternehmen, sich in einer fremden, oft feindlich gesinnten Umgebung einzurichten. Das 20. Jahrhundert steht von Anbeginn, in höherem Maße seit den 30-er Jahren, in der langen Zeit der Machtergreifung und der Herrschaft zweier Diktaturarten, Faschismus und Kommunismus, im Zeichen des unfreiwilligen Verlassens der eigenen Heimat in dem Versuch, das eigene Recht auf ein freies, würdevolles Leben zu retten. Unser Gast, der Schriftsteller, Essayist und Publizist Dieter Schlesak war im Zuge seines Schicksals einer von den vielen, die die Emigrationswelle mitgerissen hat, zugleich jedoch einer der nicht allzu vielen, die das Drama der Auswanderung bewußt erlebt, darüber Auskunft gegeben und über jene Momente der Qual, des inneren Bruchs, des Sich-wieder-Aufrichtens nachgedacht hat. Dabei legte er darüber in dauerhaften literarischen Werken, in tiefsinnigen Essays, in pragmatischen Stellungnahmen Zeugnis ab. Schlesak war ein Ausgewanderter, der über sein Schicksal sinniert, sich seines Grenzgängertums, seines Freiheitsdrangs, seiner Ent-Wurzelung, Entfremdung, seines Bruchs und seiner enttäuschenden Bodenlosigkeit bewußt ist. Er sieht sich im unendlichen, eiskalten Weltraum schweben wie ein Kosmonaut, der notgedrungen sein Raumschiff verlassen mußte und nun durch den eisigen Abgrund des unendlichen Alls herum irrt, den allein die Erinnerungen an die früheren Erlebnisse am Leben halten und der sich nun in den endlosen Raum des Geistes flüchtet, in die Polysemantik der Sprache, in die ätherische Sprache der Kunst. 

Am 7. August 1934 in Schäßburg geboren, war unser früherer Landsmann deutscher Herkunft Dieter Schlesak eine Zeit lang Lehrer. Dann kam er nach Bukarest, um fünf Jahre hier Germanistik an der Universität zu studieren, die ihm nun die Ehre erweist, ihm eine hohe Auszeichnung zu verleihen. 1959 wird er Redakteur der Bukarester deutschsprachigen Literaturzeitschrift „Neue Literatur”, geriet ins Visier der Geheimpolizei unter dem Verdacht, Texte eines verbotenen Autors, Mircea Palaghiu, versteckt zu haben. Und spürte am eigenen Leibe, was Paul Goma in einem an ihn gerichteten Schreiben eine häßlichere „Freiheit” nannte als das Leben in einem Gefängnis. Er ist beeindruckt von der rebellischen Geste Ceauşescus vom 21. August 1968 und entdeckt auf dem Hintergrund einer biographischen „Schuld“, unter seinen Verwandten Mitglieder der SS gehabt zu haben, seine linken Überzeugungen. Daher das Taktieren mit dem Marxismus, der damals im Westen grassierte. 1968 bedeutet für ihn auch das Jahr, in dem sein erster Gedichtband „Grenzstreifen” erschienen ist, das Jahr seiner ersten Reise in den Westen zusammen mit Ion Caraion und Veronica Porumbacu – diese Reise wurde zu seiner ersten traumatischen Auseinandersetzung mit dem Westen Europas, den er vorher auf dem Hintergrund der Unterdrückung daheim mit idyllisierenden Zügen versehen hatte. Zeugnis über diese innere Zerrissenheit legt er ab in seinen Reiseeindrücken „Visa Ost West Lektionen” oder in seinem Kardinalwerk, dem Roman „Vaterlandstage”, der 1995 auch ins Rumänische übersetzt wurde: „Wir kamen von einem anderen Planeten, gingen wie auf dem Mond spazieren”, gesteht der Verfasser. „Der Mond” war Luxemburg als Fenster zu einer anderen Welt, zu anderen Planeten. Der nächstliegende Planet, Deutschland, ließ ihn erschauern, er war froh, sich mit der Realität dieses Landes nicht konfrontieren zu müssen, weil Deutschland für ihn, den ethnischen Minderheitler, die „Mitte” einer Kultur-, Zivilisations- und Sprachwelt bedeutete, die er aus der Ferne, von der „Peripherie”, vom Inseldasein einer seit Jahrhunderten fern von Deutschland, im Herzen Rumäniens, in Siebenbürgen lebenden Minderheit aus pietätvoll bewundert hatte... Deshalb reist er nach Paris, wo er Celans Bukarester Freundin Nina Cassian trifft – Celan jedoch nicht, da dieser in einer Nervenklinik eingeliefert worden war. Das Unvermeidliche tritt ein: Der „Schock” des Kontakts mit der damaligen Bundesrepublik, mit den dreimal – durch die Nazis, durch die Bomben des Krieges und schließlich „durch die gräßliche Architektur des ‚Wirtschaftswunders’“ – zerstörten Städten, wie sich der Nobelpreisträger Heinrich Böll geäußert hatte,  sitzt tief: „Auch die Natur künstlich ... Hetze, menschliche Kälte” – das alles sind Eindrücke, die Schlesak in seinem Roman „Vaterlandstage” oder in „Wenn die Dinge aus den Rahmen fallen” (in rumänischer Übersetzung: „Revolta morţilor”) akribisch beschreibt. „Das „ceausistische Zuhause” nimmt sich sofort seiner an  – „innere Zensur, Redaktion, Spitzelatmosphäre, Elend, nicht mehr aushalten”. Schlesak verspürt immer mehr eine innere Leere, schwebt bereits im intergalaktischen Raum des Vaterlandslosen umher, der beide Heimaten, das Herd, das Zuhause, den Schutz, all das, von dem die Existenz eines jeden Menschen abhängt, verloren hat. Er entscheidet sich für das kleinere Übel – für den Westen. Aus seiner Reise nach Frankfurt zusammen mit Nichita Stănescu und Virgil Theodorescu kehrt er nicht mehr zurück.

Illusion:  Das Sich-Wieder-Einrichten in der neuen Heimat kommt nicht zustande. „In Deutschland dachte ich, meine Sinne zu verlieren, sogar das Essen schien mir künstlich” – so  Schlesak in einem Interview. Oder in der Sprache der Dichtung: „Von Westen her täuschend / Ein Licht, gekonnte / Sonnenuntergänge/ Rot / Freizeit Ferienfreude Und / Zweihundertfünfzig Sorten Brot (...) // Schön dieses Mutter / Land // Woher wir kamen / Vor fast tausend Jahren / Dort kommen wieder an. / Mit Grabsteinen im Gepäck.” Innere Zerrissenheit: das Gefühl des „Verrats” an seiner bisherigen Heimat verbindet sich immer deutlicher mit dem Gefühl der historischen „Schuld”. Der Sprachmeister sieht sich genötigt, seine Erinnerungen und Kindheitserinnerungen zu korrigieren, die Selbstgewißheit wird schwächer angesichts handfester Tatsachen: „Fast alle meine männlichen Verwandten waren in der SS gewesen und hatten zu den Wachmannschaften deutscher KZs gehört” – so auch Victor Capesius, ein Verwandter mütterlicherseits. Ein Mega-Thema. Das Ergebnis: 6.000 beschriebene Seiten, aus dem sich der Roman „Vaterlandstage oder die Kunst des Verschwindens” herauskristallisierte – zehn Jahre Arbeit im Schreibprozeß, am Sprachmaterial der Muttersprache, des Deutschen. Ein bekenntnishafter Opus, eine komplexe und komplizierte Textur von Erlebnissen und Reflexionen über das Schreiben, ein unkommerzieller, schwer verdaulicher Roman in einer Welt des Konsumrausches, ein publikumsunwirksamer Roman, keine Spur von Bestseller – die Verlage meiden solche Werke, fallen jedoch leicht in die Falle rezeptgerecht angefertigter Machen nach dem Geschmack naiver, unwissender Leser, die um den Sachverhalt keinerlei Ahnung besitzen um das darin enthaltene, manchmal gravierend verfälschte Zeugnis. Dieter Schelesak ist derart aufrichtig mit sich selbst, daß er oft das Sprach-Messer in der eigenen Wunde dreht, sein poetischer Ausdruck erkundet die historische Wahrheit und die seiner Biographie. Und ist imstande, sich selbst als „Deutschen der dritten Art” zu bezeichnen: Er ist also kein deutscher Deutscher, von der „Mitte”, kein Rumäniendeutscher von der „Peripherie” – er geht sogar weiter und nennt sich gerne, wie Sie gerade auch heute hören werden, einen heimatlosen Deutschen, einen „Zwischenschaftler” – das ist ein Begriff, der schwerlich ins Rumänische übersetzt werden kann und den wir, in gemeinsamer Entscheidung, riskanterweise mit „om aflat în intermediaritate” wiedergeben wollen. Wir halten allerdings fest: Dieter Schlesak nimmt für sich den Zustand eines Ausgewanderten, Exilierten in Anspruch – wir wundern uns (vielleicht entzieht sich das bloß unserer Kenntnis), daß niemand ihn mit Ovid verglichen hat, dem nach Tomis Verbannten. Vieles spricht gegen eine solche Annäherung – und dennoch: Agliano, die Ortschaft, in der Dieter Schlesak seit mehr als 25 Jahren lebt, klingt zauberhaft, der Deutschsprechende mag fasziniert sein, doch wir, die lateinischen Rumänen, aber auch Dieter Schlesak selbst, ein guter Kenner unserer Sprache, spüren den Hauch von „Entfremdung” (lat. „alieno” – der Fremde, Fremde). Dieter Schlesak ist allein in einem echten Paradies... Ovid war ein Fremder im thrakischen Inferno am Pontus Euxinus. Ein vaterlandsloser Fremder, verirrt in einer Sackgasse, Tristan Tzara ähnlich, dem heimatlosen Dichter, den Dieter Schlesak wie folgt darstellte: „Anstatt Selbstmord / beging er / die Fremde / sprachauf / sprachab - // Und fand / keinen Ausgang.”

Ein anderer großer Ausgewanderte, der Rumäne Emil Cioran, bestätigte in einem Brief aus Paris nach der Lektüre von „Visa Ost West Lektionen” Schlesaks „unbarmherzige Anklage gegen den Osten und Westen” als „eine verzweifelte Konfession von jemandem, der nicht wählen kann”; Schlesaks Werk hätte den Untertitel „’Geschichte einer Enttäuschung’” tragen können. Wir könnten auch vorschlagen: Der Scharfblick eines kühlen Verstandes.

Als Angehöriger der Sechziger Generation, als Generationskollege von Nichita Stănescu definierte sich Dieter Schlesak als „antiwilhelmeisterlich”, setzte seine Grenzgänge fort in Bereichen der Politik und Literatur, im Bereich der „Transkommunikation” und der Parapsychologie – diese Problematik legte er dar in einem beachteten Band, der 1975 im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Darin ging es um das, was er „die wichtigste, die innere (bewachte) Grenze, die innere Zensur” nannte, aber auch um das „Verschwiegene”, das Parapsychologische. Nach Schelask ist die Errichtung einer neuen Welt notwendig, die „der neuen Zeit” entsprechen soll. „Nach Öffnung der äußeren Grenzen geht es nun um die inneren Grenzen und Verhärtungen”, um das Verhältnis zwischen Mensch und Tod als einem der „Erbsünden”, als dem größten „Betrug”, dem „Sold sozusagen unserer ’Blindheit’ und von allen Herrschaften der Welt usurpiert, ihre Grundlage: Zeit, Empirie, geronnen in Macht und Geld.”

In all diesen Abenteuern innerhalb der Gegenwart hat Dieter Schlesak zweierlei Halt: die deutsche Sprache (mit all ihrem geistigen Gehalt) und die rumänische Kultur: „ohne die rumänische Kultur kann ich mein geistiges Dasein nicht vorstellen“ – wie er sich einmal ausdrückte. Er bewegte sich ertragreich zwischen beide Polen, war eigentlich stets zu Hause in beiden Kulturen. Schlesak verwandelt beide in Brückenköpfe dessen, was ich fachliterarisch „Interreferentialität” nenne, einen zweispurigen Kommunikationskanal. Die rumänische Kultur verdankt Schlesak die umfangreichste Anthologie rumänischer Lyrik im deutschsprachigen Raum, ein Riesengeschenk an die rumänische Literatur!

Der Mensch und Dichter Dieter Schlesak – der mehrere Heimaten und zugleich keine besitzt – begab sich schon lange auf geistige Suche nach einer „tieferen Heimat”, der „’geistigen’ Diaspora”. Um eine Hölderlin-Metapher zu verwenden, begab er sich auf die Suche nach den „Vaterlandstagen”. Unter Heranziehung des Titels der erwähnten rumänischen Lyrik-Anthologie begab er sich auf „Gefährliche Serpentinen”. Er sucht nach dem, was Ernst Bloch in seiner berühmten Studie „Das Prinzip Hoffnung” als etwas bezeichnete, „das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat”.

Dieter Schlesak hat nun durchaus die Chance, eine Heimat wieder zu finden und meridianhaft zum Ausgangspunkt zu gelangen. Was „Meridian“ bedeutet, erklärte uns einmal Paul Celan, ein weiterer aus Rumänien stammender großer Ausgewanderter, in seiner berühmten Rede bei der Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises, und zwar anhand seines eigenen, alles andere als glücklichen Weges. In einem Brief von 1962 an seinen Bukarester Förderer, den Schriftsteller Alfred Margul-Sperber, schrieb er: „In einem gewissen Sinne ist mein Weg noch einmal der Ihre, wie der Ihre beginnt er am Fuße unserer heimatlichen Berge und Buchen, er hat mich, den – um es mit einem Scherzwort zu sagen – karpathisch Fixierten – weit ins Transkarpathische hinausgeführt”.[1] Celan selbst kehrte oft in Gedanken und in seiner Lyrik an den karpatischen Raum zurück wie zu einer „tieferen geistigen Heimat” – so wie auch Dieter Schlesak immer wieder zum rumänischen geistigen Raum zurück kehrte und ihn in seinem literarischen, essayistischen und publizistischen Werk in den verschiedensten Hypostasen evozierte, zu einem Raum, der seine Erinnerungen, seine Vergangenheit und die Gegenwart prägte.

Dieter Schlesak weilt wieder unter uns, an der Seite eines anderen doctor honoris causa der Universität Bukarest, des Schriftstellers, Essayisten und Publizisten Hans Bergel, zusammen mit weiteren seiner Landsleuten und unseren ehemaligen Landsleuten, die im Dienst der deutschen Sprache stehen wie die bekannten Schriftsteller Oskar Pastior, ehemaliger Student der Bukarester Universität, Herta Müller und Richard Wagner, Werner Söllner, Klaus Hensel und Ernest Wichner, Übersetzer wie Gerhardt Csejka und Georg Aescht – um nur einige anzuführen. Ohne schriftliche Zeugnisse seitens rumänischer Regierungen weisen sich all diese Persönlichkeiten durch ihre Werke als echte Botschafter der rumänischen Kultur und Literatur aus.

Ebenso wie Dieter Schlesak, unser Laureatus von heute, dem wir uns erlauben – in höchster Aufrichtigkeit und in Dankbarkeit zu sagen: Willkommen aus der „Zwischenschaft”, mindestens für einige Tage, in der Realität einer möglichen tieferen Heimat, in der realen Welt des rumänischen geistigen Lebens!


[1] Brief vom 12.12.1962, in: "Neue Literatur", 7, 1975, S. 59.

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