NEUE BEITRÄGE ZUR GERMANISTIK

Band 2 / Heft 3, 2003 (113):

Beiträge zur Optimierung des Deutschunterrichts

Lesen und Projektunterricht

 

Internationale Ausgabe der DOITSU BUNGAKU

Herausgegeben von der Japanischen Gesellschaft für Germanistik

MARGINALIEN

Die Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) und ihre Tätigkeiten

Die Geschichte und die Gegenwart der Germanistik in Rumänien

Von Kyoko Fujita

   Seit Mitte der 90er Jahre befasst sich die Verfasserin dieses Beitrags mit der deutschsprachigen Literatur in Rumänien, vor allem aus der Bukowina. Durch die Beschäftigung mit diesem Themenbereich versucht sie, den Begriff „deutschsprachige Literatur“ in seiner Vielfalt zu erfassen und auf die neuen Horizonte hinzuweisen, die sich damit eröffnen. Dabei verdankt sie den vielen Forschungsleistungen der rumänischen GermanistInnen wertvolle Anregungen. Auch die Forschungsreise nach Bukarest im Jahr 1998 und das Fachgespräch mit dem Präsidenten der GGR, Prof. Dr. Guţu von der Fakultät für Fremdsprachen an der Universität Bukarest, veranlassten sie, die Tätigkeiten der GGR näher kennen zu lernen. Eine Übersicht über die Tätigkeiten der GGR wird auf der Homepage (http://www.canad.ro/ggr) gegeben. Um das Ausmaß der Leistungen der GGR angemessen würdigen zu können, muss man die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe verstehen; denn in Rumänien war die Entwicklung der Germanistik von der jeweiligen politischen und sozialen Lage abhängig. Im vorliegenden Beitrag werden die geschichtlichen Bedingungen der Germanistik in Rumänien im Umriss dargestellt, und es wird auf einige wichtige Aspekte der Tätigkeiten der GGR hingewiesen. Als Informationsquelle dienten der Verfasserin Publikationen der GGR, die ihr Prof. Guţu freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte.
    Die GGR wurde am 22. März 1990 in Bukarest gegründet. Bis dahin waren die GermanistInnen in Rumänien etwa ein halbes Jahrhundert lang daran gehindert worden, im Rahmen eines Fachverbandes tätig zu sein. Trotz aller Schwierigkeiten begann die GGR umfassend zu wirken. Im November 1990 wurde z. B. In Bukarest zum 70. Geburts- und 20. Todestag Paul Celans ein Symposium veranstaltet. 1992 wurde das erste Heft der Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR) sowie 1997 die erste Ausgabe der Reihe GGR-Beiträge zur Germanistik veröffentlicht. Die GGR versteht ihre Aufgaben im Zusammenhang mit der 1931 gegründeten  Gesellschaft der rumänischen Germanisten  (GRG) und mit der von dieser 1932 veröffentlichten  Revista Germanistilor Români (RGR, Zeitschrift der rumänischen Germanisten). Beim
III. Kongress der Germanisten Rumäniens im Jahr 1994 wurde die geschichtliche Kontinuität seit dem II. Kongress im Jahr 1932 betont. Dazwischen hat aber die Germanistik in Rumänien einen drastischen Wandel erlebt.
    In der Zwischenkriegszeit wirkten bei der GRG nicht nur rumänische, sondern auch viele Wissenschaftler aus den Kreisen der deutschen Minderheiten. Rumänien erwarb nach dem Ersten Weltkrieg weite deutsche sowie deutschsprachig-jüdische Siedlungsgebiete. Bei der Volkszählung im Jahr 1930 gaben im ganzen Staat 760.687 Personen als ihre Muttersprache Deutsch an (Kolar, S.553). Die Wissenschaftler aus den Kreisen dieser Muttersprachler spielten damals in der Germanistik eine große Rolle. Die GRG stellte aber Anfang der 40er Jahre „im Wirwarr ideologischer und kriegerischer Auseinandersetzungen“ [G. Guţu und G. Klaster-Ungureanu, Zum Geleit. In:
ZGR Jg. 1, H. 1, S. 7] das Erscheinen ihrer Fachzeitschrift ein.
    Während des Zweiten Weltkrieges verbündete sich Rumänien mit Deutschland und befürwortete auch die Judenvernichtungspolitik. Bei solchen Zeitumständen reagierten viele Deutsche auf die nationalsozialistischen Apelle mit großer Sympathie. Bis Ende 1943 sollten sich z. B. ca. 69.000 Jugendliche als Freiwillige zur Waffen-SS bzw. Wehrmacht gemeldet haben (Kolar, S. 185).
    Nach dem Kriegsende wurde den deutschen Minderheiten kollektiv die ganze Schuld des Nationalsozialismus auferlegt, und auch die Germanistik wurde aufgrund der „Kollektivschuld“-These unterdrückt. Es wurde nicht mehr erlaubt, einen Fachverband sowie eine Fachzeitschrift der Germanistik zu gründen. Auch in der Hochschulpolitik wurde die Germanistik bis 1955 nur als Nebenfach oder das Fach Deutsch als Fremdsprachunterricht geduldet [vgl. H. Fassel, Hochschulgermanistik in Südosteuropa nach 1945.
In: ZGR Jg. 1, H. 2, S. 16]. Desto mehr Gewicht bekamen die deutschen Minderheiten für das Erhalten und die Entwicklung der Germanistik in Rumänien. Die Verfassung von 1948 garantierte allen Minderheiten das Recht auf Erziehung in der Muttersprache, und dadurch musste die Ausbildung der Lehrenden für die deutschen Schulen zugesichert werden. In größeren Städten mit vielen deutschen Bewohnern wie Klausenburg (Cluj), Hermanstadt (Sibiu) sowie Temeswar wurden neue Lehrstühle für Germanistik gegründet, an denen man sich intensiv mit den deutschen Mundarten sowie Regionalliteraturen in Rumänien befasste. Diese Forschungsrichtungen entsprachen den Interessen der Behörde, die die Auswanderung der deutschen Minderheiten zu verhindern suchte. Auch die deutschsprachigen Zeitungen sowie Zeitschriften übernahmen eine Rolle, indem sie neben den Jahrbüchern der Universitäten u.a. den Verfassern germanistischer Beiträge Publikationsmöglichkeiten anboten. Die Germanistik geriet in eine schwere Krise, als angesichts der verstärkten Diktatur die Auswanderungswelle in die Bundesrepublik einsetzte. Im Jahr 1977 stieg die Anzahl der jedes Jahr Ausreisenden auf über 10.000 an und verringerte sich danach kaum (Koch, S. 399). Die Germanistik verlor nicht nur einen großen Teil ihrer aktiven und zukünftigen Träger, sondern auch ihre Bedeutung für die Minderheitenpolitik des Regimes.
    Die Wende 1989 brachte diesem Fach zwar viele neue Entwicklungsmöglichkeiten wie die Etablierung eines Fachverbandes und einer Fachzeitschrift, intensiven wissenschaftlichen Austausch mit den deutschsprachigen Ländern sowie freien Studienaufenthalt in diesen Ländern. Jedoch führte der Sturz der Diktatur auch dazu, dass allein innerhalb des Jahres 1990 111.150 Personen in die Bundesrepublik ausreisten [Jahresstatistiken des Bundesausgleichsamtes. Az.: I/2-Vt.6380. Zitiert nach: König, S. 278]. Auch in diesem Sinne führte die Wende einen grundlegenden Strukturwandel der Germanistik in Rumänien herbei. Im Folgenden wird anhand der ZGR betrachtet, wie die GGR diesen neuen Gegebenheiten gerecht geworden ist bzw. wird.
    Zuerst ist es bemerkenswert, dass die Themen der Beiträge in der ZGR rasch vielfältiger wurden. In ihrem ersten Heft lag das Schwergewicht auf den deutschen Mundarten und Regionalliteraturen in Rumänien. Nun behandeln die Beiträge in der ZGR umfangreiche Themenbereiche im deutschen Sprachraum vom Mittelalter bis zur Gegenwart. In der Literaturwissenschaft ist ein zunehmendes Interesse an Gegenwartsliteratur festzustellen. Bis 1993 erscheinen in der ZGR nur einige Beiträge über die Dichter aus der DDR, aber ab 1994 befasst man sich oft mit Schriftstellern und Dichtern wie z.B. Christoph Ransmayr, Durs Grünbein, Patrick Süskind, Botho Strauß u.a. Die Germanisten sind nun in der Lage, mit vielen aktuellen Informationen in Berührung zu kommen.
    Was die Linguistik betrifft, so geht es in vielen Beiträgen um Fragestellungen aus der Perspektive der Angewandten Linguistik. Dieses dürfte mit der folgenden zweiten Sachlage im Zusammenhang stehen, dass eine große Nachfrage nach Deutsch als Fremdsprache sowohl in quantitiver als auch qualitativer Hinsicht besteht. Einem Bericht im Jahr 1996 zufolge sei das Unterrichtssystem angesichts der seit der Wende rasch zunehmenden Nachfrage nach DaF-Unterricht nicht ausreichend funktionsfähig, weil vor allem in den letzten zehn Jahren der Diktatur der Fremdsprachenunterricht stark unterdrückt worden sei und dadurch die Ausbildung der Lehrenden sowie die Entwicklung der Didaktik lange Zeit stagniert hätten [vgl. E. Viorel, Neue Bedeutung  für Deutsch als Fremdsprache an rumänischen Schulen: Ein Aufschwung? In:
ZGR Jg. 5, H. 1-2 (9-10), S. 190-193]. Um diesen Verlust auszugleichen, macht es sich die GGR zur Aufgabe, gemeinsame Diskussionsgelegenheiten zu schaffen und zwischen der Lehrerschaft und den Hochschulen zu vermitteln.
    Zum dritten soll darauf hinweisen werden, dass die GGR mit Erfolg bestrebt ist, in der Forschung der deutschen Mundarten und Regionalliteraturen eine wichtige Rolle zu übernehmen. Seit dem III. Kongress 1994 besteht eine Sektion für die deutschen Regionalliteraturen in Rumänien. In der ZGR werden viele wichtige Beiträge sowie Forschungsmaterialien veröffentlicht, wie z.B. Beiträge über Alfred Kittner sowie Moses Rosenkranz aus der Bukowina bzw. Adolf Menschendörfer aus Siebenbürgen u.a. Ferner finden sich auch Celans frühe Gedichte unter seinen maschinenschriftlichen Schriftstücken sowie Alfred Margul-Sperbers Briefwechsel mit verschiedenen Dichtern in seinen Nachlass im Literaturmuseum in Bukarest usf. Die neuesten Forschungsleistungen über die deutschsprachige Literatur aus der Bukowina wurden 2002 mit dem germanistischen Lehrstuhl in Jassy zusammen als
GGR-Beiträge zur Germanistik 9 veröffentlicht. Bei allen hier angeführten Versuchen wird die intensive Zusammenarbeit mit den in- und ausländischen Institutionen sowie mit den ausgewanderten Wissenschaftlern gefördert.
    Neben diesem Themenbereich legt die GGR auch auf die rumänisch-deutschen/österreichischen Kultur- und Literaturinterferenzen besonderen Wert und vollbringt sehr bemerkenswerte Leistungen. Ihre Forschungsleistungen in den beiden Themenbereichen beweisen die vielfältigen Facetten der deutschsprachigen Literatur sowie die lebendig ineinander verflochtenen Beziehungen der Kulturen in Europa. Auch in diesem Sinne leistet die GGR zur Germanistik einen wichtigen Beitrag.
    Auf der anderen Seite jedoch leidet nun die Germanistik in Rumänien anders als vor der Wende unter schwierigen Verhältnissen. Die Deutschlernenden in den Schulen nehmen nach einem Aufschwung nach der Wende wieder ab. Im Schuljahr 1998/1999 lernen z.B. nur noch insgesamt 225.036 SchülerInen Deutsch als Fremdsprache, während im Schuljahr 1991/1992 es noch 372.859 waren [vgl. Viorel, S. 193, sowie Rumänisches Bildungs- und Forschungsministerium, Programm zur Ausweitung des Deutschunterrichts als Mutter- und als Fremdsprache in Schulen, Lyzeen und an Hochschulen. In:
ZGR Jg. 9, H. 1-2 (17-18), S.319]. Durch die Abnahme der Deutschlernenden ist nicht nur die Streichung von Lehrerposten in den Schulen zu befürchten, sondern auch die Zahl der Germanistik Studierenden reduziert sich und die damit verbundene staatliche Finanzierung. Unter diesen Umständen versucht die GGR, die Betreffenden “’von der Notwendigkeit und dem Nutzen der Mehrsprachigkeit zu überzeugen’, damit dem Fremdsprachenunterricht mehr Aufmerksamkeit geschenkt, aber auch mehr Unterstützung gewährleistet wird.“ [Guţu, Die Problematik und Trends in der (Auslands-) Germanistik in Rumänien, S. 11].
    Die Bestrebungen der GGR, die Notwendigkeit der Mehrsprachigkeit anerkennen zu lassen, geben den GermanistInnen in Japan fruchtbare  Anregungen. Denn wir setzen uns trotz der ganz anderen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe mit ähnlichen Umständen auseinander.
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Literatur

- Corbea-Hoisie, Andrei / Guţu, George / Hainz, Martin A. (Hrsg.): Stundenwechsel. Neue Perspektiven zu Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, Paul Celan, Immanuel Weissglas (GGR-Beiträge zur Germanistik 9 / Jassyer Beiträge zur Germanistik 9), Bukarest / Jassy / Konstanz (Paideia / Editura Universităţii „Al. I. Cuza“ / Hartung-Gorre) 2002.

- GGR (Hrsg.): ZGR Jg. 1. H. 1 – Jg. 10. H 1-2 (19-20), Bukarest 1992-2001.

- Guţu, George: Die Problematik und Trends in der (Auslands-) Germanistik in Rumänien. Ein unveröffentlichtes Vortragsmanuskript auf der Internationalen Tagung „Zukunftschancen der deutschen Sprache in Mittel-, Südost- und Osteuropa“, 20-24. November 2002, Graz. [Eine erweiterte Fassung erschien als Guţu, George: Selbstverständnis und Spezifik im internationalen Gespräch. Überlegungen zur Entwicklung der (Auslands)Germanistik in Rumänien. In: transcarpatica. germanistisches jahrbuch Rumänien, 2002, H. 1, S. 17-28; Anm. GGR]

- Guţu, George / Stănescu, Speranţa (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (I) (GGR-Beiträge zur Germanistik 1), Bukarest (Charme Scott) 1997.

- Koch, Friedhelm: Deutsche Aussiedler aus Rumänien. Analyse ihres räumlichen Verhaltens, Köln/Wien (Böhlau) 1991.

- Kolar, Othmar: Rumänien und seine nationalen Minderheiten 1918 bis heute, Wien/Köln/Weimar (Böhlau) 1997.

- König, Walter: Die Deutschen in Rumänien seit 1918. In: Grimm, Gerhard / Zach, Krista (Hrsg.): Die Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa. Bd. 1, München (Südostdeutsches Kulturwerk) 1995, S. 251-296.

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