Deutscher Germanistentag 2004

München, 12.-15. September

Ludwig-Maximilians-Universität München

(www.germanistenverband.de)


Germanistik und / in / für Europa. Faszination Wissen

 

Übersicht

Vorbemerkung (s. unten)
 

Intersektion 1: Die ‚Aura’ des Wortkunstwerks und die Ratio seiner Analyse
Intersektion 2: Mehrsprachigkeit
Intersektion 3: Das agonale Prinzip: Streitkulturen
Intersektion 4: Praxisformen der Philologien: Erträge und Defizite aus der Ära der Nationalphilologien
Intersektion 5: Sprache(n) der Erinnerung
Sektion 1: Mediävistik: Faszination fremder Literarizität
Sektion 2: Neuere deutsche Literatur: Literatur und Wissen
Sektion 3: Didaktik: Faszination Lesen
Sektion 4: Linguistik:Linguistische Hermeneutik
Sektion 5: Deutsch als Fremdsprache: Transnationalisierung / cultural studies / Migration

Forum: Zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Literaturkritik
Forum: Münchener Germanistentag 1966: Erinnerung-Kritik-Aufbruch

Workshop: Ästhetische Erziehung
Workshop: Übersetzer und Übersetzungskulturen
Workshop: Evaluationskultur – Streitkultur. Die institutionelle Abwicklung der ostdeutschen Germanistik
Workshop: Europäische Sprachgeschichtsschreibung
Workshop: Landeskunde - ein Feind?
Workshop: Europäische Germanisten- und Deutschlehrerverbände - Probleme einer europäischen Auslandsgermanistik
Workshop: Rechtschreibreform
Workshop: Bologna-Prozess - zur Zukunft der Germanistik in Europa
Workshop: Wissenschaftsförderung in Europa - für Geisteswissenschaften (Förderbörse)
Workshop: Studentischer Workshop


 
September 2004: Je umfangreicher jenes Europa wird, das sich als „Europäische Union“ wirtschaftlich und rechtlich vereinheitlicht - und abgrenzt, um so dringlicher wird die Frage, ob diese Union mehr ist und mehr sein sollte als ein Zweckverband. Um so dringlicher wird vor allem die Frage, was aus den Sprachen und Kulturen wird, die in die Union eingebracht werden, vielleicht auch in sie hineintaumeln und durch sie obsolet werden. Diese Kulturen und die meisten dieser Sprachen sind geprägt durch ein politisches Groß-„Projekt“, dessen Ende im europäischen Einigungsprozeß vor Augen steht, beschworen, beklagt wird: das „Projekt Nation“. Unter den neueren philologischen Disziplinen verstand sich gerade die Germanistik in dieser nationalen Perspektivierung.
September 2004: Die Universitäten und in ihnen insbesondere die Geisteswissenschaften stehen vor einer drastisch sich ändernden Situation. Sie stellt nahezu alles in Frage, was Universitäten in Deutschland seit 1810, der Berliner Universitätsneugründung, kennzeichnet. In schneller Folge erodieren wesentliche Qualitätsmerkmale für Geisteswissenschaften. Methodenaktionismus und immer neue Gegenstandsfunde sind eine schwache und gesellschaftlich kaum noch wahrgenommene Reaktion.
Dabei sind die gesellschaftlichen Aufgaben gerade dieser Wissenschaften mit einer neuen Brisanz versehen. Es sind eben die nationalen Rahmenbedingungen, die sich gegenwärtig auflösen, und dies mit weitreichenden Konsequenzen für vieles von dem, was Geisteswissenschaften sind und tun. „Europa“ tritt an die Stelle der Nationen, so hören und lesen wir - aber dieses Europa ist jenseits der wirtschaftlichen und bürokratischen Veränderungen eher ein Schemen als eine politische und konzeptionelle Wirklichkeit. Nirgendwo deutlicher ist die Herausforderung für ein neues, wirklich europäisches Denken als auf dem Feld der Sprachen. Proklamationen der Mehrsprachigkeit stehen europaweit rücklaufende Zahlen der Fremdsprachenvermittlung in den Schulen gegenüber. Einsprachige Politiker sind kaum glaubwürdige Zeugen, geschweige denn Garanten dafür, daß Europa eine multilinguale Wirklichkeit werden kann, die mehr ist als eine bloße Addition von durch die alten Grenzen voneinander abgeschnittenen Einsprachigkeiten. Die Sprachen der Erinnerung sind weithin noch national orientiert. Dem Umgang mit der Fremde in Europa fehlt es an Konzepten und Verfahren; Hermeneutik, die Verstehenslehre, wagt sich als interkulturelle Hermeneutik darüber hinaus, aber sie ist weit davon entfernt, die europäischen Sprachen als zu Verstehendes zu thematisieren. Das Deutsche als Fremdsprache, weltweit vermittelt, ist, jüngste germanistische Disziplin, im öffentlichen Bewußtsein der Bundesrepublik noch kaum angekommen. Sein Beitrag zur Transnationalisierung verbindet sich mit den Fragen der Sprachvermittlung für Migranten und Migrantinnen. Eine „Landeskunde“ ist kaum auch nur in Umrissen zu erkennen - methodisch, inhaltlich und in ihren möglichen Vernetzungen mit entsprechenden wissenschaftlichen Unternehmungen anderer europäischer Länder. Von außen ergeht die Forderung, solche Kenntnisse als „cultural studies“ vorzuhalten - eine Herausforderung, die anzunehmen die Germanistik gefordert ist. Die nationalen Perspektivierungen von Philologie haben für Mediävistik, für die Wissenschaft von der neueren deutschen Literatur und für die germanistische Sprachwissenschaft eine Fülle von Erträgen gebracht - und sie haben, weit weniger bemerkt, Defizite erzeugt, die zur Provokation für Veränderungen des philologischen Geschäftes werden können. Der literarische Kanon ist noch immer weithin national gebunden. Eine europäische Sprachgeschichtsschreibung findet kaum statt.
Die Herausforderungen für die Philologien als Wissens-Wissenschaften betreffen Kernbereiche ihrer Ergebnisse und ihrer Methoden. Die literarischen Objekte werden im Spannungsfeld zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik wahrgenommen. Gerade im deutschen Sprachraum ist das Verhältnis beider konkurrentiell, Beispiel für eine Streitkultur, in der das „agonale Prinzip“ exemplarisch sichtbar wird. Die „Aura“ des Wortkunstwerkes liegt dem voraus: Kann die Ratio seiner Analyse sie einholen? Ist eine ästhetische Erziehung möglich? Was charakterisiert Literatur, ist sie ein neuzeitliches, vielleicht ein philologisches Konstrukt? Die „fremde Literarizität“ mittelalterlicher Texte gewinnt neue Lesarten für das, was Literatur ausmacht. Schönheit, Lust und Wissen sind Facetten des philologischen Geschäftes, die durch dessen positivistische Praxis in der Gefahr stehen, analytisch zum Verschwinden gebracht zu werden. Ist eine Wissenschaft möglich, die diesen Gefahren entgeht? Ist eine Didaktik möglich, die Lesen als Faszination erlebbar macht?
Der Germanistentag 2004 bietet ein Forum für die Befassung mit diesen vielen Facetten einer komplexen kulturellen Konstellation, bietet einen Ort für Faszination und Wissen. Er lädt ein zu Vorträgen, Diskursen, Kontroversen.


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