Sie befinden sich auf der Web-Seite der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens: www.ggr.ro

 

Jürgen P. Wallmann

Mangel an philologischer Sorgfalt.

Zu: Paul Celan, Das Frühwerk. Hrsg. v. Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989

 

[In: "Neue Literatur" (Bukarest), Heft 1, 1989, S. 55-57]

 

Als das Frühwerk van Paul Celan (1920-1970) bezeichnet man jene Dichtungen, die in dem Jahrzehnt von 1938 bis 1948 in der Bukowina, in București und (zum kleinsten Teil) in Wien geschrieben wurden, also ehe der Dichter nach Paris ging, wo er bis zu seinem Freitod geblieben ist. Einen Teil dieser frühen Poesie hatte Celan in dem 1948 in Wien erschienenen Band „Der Sand aus den Urnen" gesammelt, den der Autor aber dann wegen zahlreicher Druckfehler zurückzog. Aus diesem Buch übernahm Celan 26 Gedichte in den Band „Mohn und Gedächtnis", der 1952 herauskam und sozusagen das offizielle opus 1 war. Alle übrigen zuvor geschriebenen und veröffentlichten Texte – vorwiegend Gedichte, ferner einige poetische Kurzprosa – blieben zu Lebzeiten Celans unbekannt.

Celan selbst hat sich von seinen frühen Arbeiten niemals distanziert. Am 30. Juli 1960 bat er seinen in București lebenden Entdecker Alfred Margul-Sperber um Abschriften seiner in Rumänien befindlichen Texte, denn: „Ich denke an eine Gesamtausgabe meiner Gedichte, auch der frühen und frühesten..." Zu dieser Ausgabe freilich ist es nicht gekommen, und nach Celans Tod war bei den Herausgebern und beim Verlag des Dichters eine deutliche Abwertung und Zurückweisung des Frühwerks zu bemerken.

So wurden Gedichtveröffentlichungen etwa in rumänischen Zeitschriften wie „Neue Literatur" oder „Transilvania" als „nicht autorisiert" abqualifiziert. Und Beda Allemann, dessen lange angekündigte kritische Celan-Edition noch immer auf sich warten läßt, sprach sich 1975 dezidiert gegen die Aufnahme solcher „unautorisierter“ früher Celan-Texte in eine Werkausgabe aus. Doch diese Position ist nicht mehr zu halten, spätestens nicht seit 1985, als der Suhrkamp Verlag eine bibliophile Ausgabe von 97 Gedichten herausbrachte, die Celan (damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Paul Ancel) 1944 seiner Freundin Ruth Lackner (heute Ruth Kraft) geschenkt hatte. Seitdem kann das Frühwerk nicht länger als Quantité négligeable behandelt werden, zumal es geradezu zwingend notwendig erscheint, die lyrische Herkunft und die Anfänge eines Dichters zu ken­nen, der vielleicht der wichtigste deutsche Lyriker in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist. Nun hat sich der Suhrkamp Verlag entschlossen, in einem eigenen Band „Das Frühwerk“ Paul Celans vorzulegen. Die meisten der hier abgedruckten Texte kennt man aus dem Band 3 der 1983 erschienenen „Gesammelten Werke in fünf Bänden" und aus der erwähnten bibliophilen Edition von 1985. Von zwanzig Texten wird mitgeteilt, sie würden hier erstmals in Buchform veröffentlicht, von 29 heißt es, sie seien hier „erstmals" veröffentlicht. Das ist jedoch unrichtig, wovon gleich noch zu reden sein wird.

Die frühen Arbeiten Paul Celans – darunter auch einige im Original rumänisch geschriebene Texte, die im Anhang übersetzt werden – sind chronologisch angeordnet und auf die Kapitel Bukowina, București und Wien aufgeteilt. Das Spektrum reicht hier von eher schülerhaften Anfängen („Es steht gekrümmt ein Birkenstamm: / gekrümmte weiße Kreide. / Drei Wolken links. Ein Berges­kamm. / Und Heide, Heide, Heide.") bis zu so vollendeten Gedichten wie „Todesfuge", „Chanson einer Dame im Schatten" und „Corona".

Wieder überrascht, wie schon 1985 beim Lesen der Gedichte für Ruth Lack­ner, der scharfe Kontrast zwischen der finsteren Realität, vor deren Hinter­grund diese Verse seinerzeit entstanden waren – der Naziterror, dem auch Celans Eltern zum Opfer gefallen waren – und der glatten Schönheit vieler Gedichte. Poesie als Flucht, als Gegenwelt, als Mittel zum Überleben?

Celans frühe Gedichte sind, wie nicht anders zu erwarten, von Vorbildern geprägt, von Rilke, Hölderlin, Trakl, den Romantikern, wohl auch von rumänischen Dichtern. Reim und Enjambement werden bisweilen über Gebühr praktiziert, der Poet schwelgt in edlem Vokabular und kostbaren Genitiv-Metaphern, bietet das gesamte Arsenal der Tradition auf und besingt die Natur und die Landschaft, auch die Mutter und die Mädchen.

Unüberhörbar ist ein Ton müder Jugendmelancholie: Hier artikuliert ein hochempfindsames lyrisches Ich seine Träume, Gefühle und Gedanken in Gedichten, die verzaubern und beschwören wollen. Neben manchen konventionellen Wendungen finden sich dann zunehmend, vor allem in den Gedichten aus Bukarest und Wien, ganz eigene Bilder und Wendungen, die das starke Talent Celans zeigen, auch wenn sie den überragenden Lyriker, zu dem Celan später wurde, allenfalls erahnen lassen.

Der Band „Das Frühwerk" wird herausgegeben von Barbara Wiedemann, die 1985 unter dem Namen Wiedemann-Wolf Studien zum Frühwerk Celans vorgelegt hatte. In ihrem Buch hatte sie sich u.a. ein wenig abfällig geäußert zu der Dissertation von George Guțu „Die rumänische Koordinate der Lyrik Paul Celans“ (Leipzig 1977), in deren Anhang Guțu bis dahin noch unbekannte Briefe und Texte Celans erstmals mitgeteilt hatte. Guțu seinerseits hat sich nun kürzlich in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur" die Arbeit von Wiedemann-Wolf vorgenommen und ihr sachliche Fehler, „bewußte Verdrehung von Tatsachen" und „böswillige Unterstellung" vorgeworfen.

Nun könnte man derlei als unerfreuliches Philologengezänk abtun, das den normalen Leser nichts angehen muß. Nur wirkt sich die Kontroverse auch auf die Edition des Frühwerks aus – und da wird es bedenklich. Wenn Barbara Wiedemann nämlich in ihrem Nachwort mitteilt, auch „nichtautorisierte Erstdrucke" (was immer das heißen mag) seien hier berücksichtigt, „soweit es sich um separate Drucke in Zeitschriften handelt, nicht aber solche innerhalb von wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten", so kann diese unsinnige Ausschluß-Klausel nur den einen Grund haben: nämlich den Namen und die Arbeit des mißliebigen Kollegen George Guțu verschweigen zu können.

Guțu nämlich hatte in seiner Arbeit 1977, wie erwähnt, bis dahin unveröffentlichte Celan-Gedichte zugänglich gemacht. Und im Oktoberheft 1988 der Zeitschrift „Neue Literatur" hatte er auf den Seiten 27 bis 39 Gedichte Celans aus den Jahren zwischen 1938 und 1947 veröffentlicht. (Das war also alles andere als ein Privatdruck, denn die monatlich erscheinende „Neue Literatur" ist eine offizielle Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbandes.) Und ebendiese von Guțu mitgeteilten Gedichte bezeichnet Barbara Wiedemann nun in dem Band „Das Frühwerk“ als hier „erstnals veröffentlicht“. In Wahrheit aber sind mindestens 14 (also die Hälfte der 29 angeblich erstveröfentlichten Gedichte) bereits publiziert – was der Herausgeberin bekannt sein musste. Mangel an philologischer Sorgfalt ist das Mindeste, was man ihr vorhalten muß. Paul Celan und seine Leser hätten eine korrektere Editionsarbeit verdient.

[Erschienen in „Neue Literatur“ (Bukarest), Heft 9, 1989, S. 55-57.]

 

Sie befinden sich auf der Web-Seite der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens: www.ggr.ro

www.e-scoala.ro

Imagine Romania!

Lernen Sie Deutsch - Kliken Sie hier