GERMANISTIKINSTITUT DER UNIVERSITÄT BUKAREST

Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler

Germanistisches Institut der Universität Wien

R E D E

bei der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde

der Universität Bukarest

am 27. Februar 2004

Unweit meiner Wohnung im 18. Wiener Bezirk in der Buchleitengasse findet sich eine Gedenktafel auf einem Haus, die besagt, daß hier in den Jahren 1935 bis 1937 der rumänische Dichter Lucian Blaga gewohnt habe, die äußere Evidenz einer Verbundenheit Wiens mit Rumänien, auf die sich sehr wohl auch die innere wird stützen lassen, eine Tatsache, die indes so kaum in unserem Bewußtsein verankert ist, wie nachhaltig und intensiv gerade diese unterirdischen Ströme der Literatur sein mögen. Ich habe mir die Gedichte Blagas in einer zweisprachigen Ausgabe mit französischer Übersetzung besorgt und bei der Lektüre des rumänischen Textes, in Unkenntnis der Sprache, wurden mir doch auch jene Qualitäten greifbar, die diese Lyrik auszeichnen, Qualitäten des Klanges und der Bilderintensität, eine Nähe zu unseren Autoren, zu Rilke und Trakl, und beim Nachfragen wurde mir auch bewußt, daß dies nicht der einzige Punkt einer Verbindung sei, wenn man an Mihai Eminescu denkt, der denn auch in Wien – wie Lucian Blaga – studierte, und von dem es eine Fülle von Übertragungen ins Deutsche gibt, zum Teil sehr gelungene, und immer wieder hört man hier den eigenen Tonfall und späht doch in der Prägnanz der Schwermut und in der glänzenden Rhetorik dieser Texte die Verwandtschaft zu einem der größten Lyriker, zu Nikolaus Lenau, der ja auch auf dem Territorium des heutigen Rumänien geboren wurde.

Und so durfte ich einen mir unbekannten Kontinent entdecken, und ich meine, daß auch die Schriften von George Gutu einiges dazu beigetragen haben, indem sie zeigen, wie die Lyrik eines der bedeutendsten Lyrikers in deutscher Sprache, nämlich Paul Celans, mit der rumänischen Literatur zusammenhängen. Überzeugend zeigt Gutu, wie dringlich auch die Kenntnis der rumänischen Lyrik der Zwischenkriegszeit ist, um Celan in einem größeren Kontext zu verstehen, und da fallen die Namen Philippide, Arghezi und Blaga, aber auch Brancusi/Brâncusi. Und mit dem Bezug Celans auf Blaga kann Gutu die Prinzipien dieser „sprachlich-metapoetischen Selbstverständigung“ (Die Lyrik Paul Celans und die rumänische Dichtung der Zwischenkriegszeit, Bucuresti 1994, S. 96) formulieren.

Und um eine solche „sprachlich-metapoetische Selbstversatöndigung“ geht es auch bei unseren Unternehmungen, und ich nehme an, daß ich die mir zuteil gewordene Ehre diesem Prinzip verdanke:

Ich möchte dafür danken, weil ich meine, daß sie aus dem Geist eines Literaturverständnisses kommt, das diese Grenzen aufheben möchte, die die unglückselige Vergangenheit gezogen hat, daß Literatur zu einem Mittel machen möchte, neue Möglichkeiten des Gesprächs zu etablieren, auch über die Grenzen der Sprachen hinweg.

Wenn ich hier als einer geehrt werde, der sich um die österreichische Literatur verdient gemacht hat, so freut mich dies naturgemäß, aber es kann nur dadurch erfolgen, daß es ein Verständnis auch für diese österreichische Literatur hier gibt, ein Verständnis, das mich glücklich macht, weil es zeigt, daß diese Sprache über die Grenzen des Landes hinaus verstanden wird, daß es hier die Bereitschaft gibt, sich die andere Sprache anzueignen, ein Verständnis zu haben für die Besonderheiten dieser österreichischen Literatur, für die Unsicherheiten der österreichischen Identität, worin auch eben der Reiz dieser Literatur zuletzt bestehen mag, und ich meine, daß es gerade hier in Rumänien wahlverwandte Seelen gibt, die uns Österreicher in unserer oft bizarren europäischen Marginalität verstehen und begreifen können.

Mein Dank gilt Ihnen, die sich dieser Mühe einer akademischen Ehrung unterzogen haben, die Sie mich nach Bukarest geholt haben, dem Rektor, Prof. Dr. Ioan Mihailescu, dem Prorektor, Prof. Dr. Ioan Panzaru, der Frau Dekan, Prof. Dr. Sanda Rîpeanu, den Vertretern der akademischen Gremien, im besonderen dem aktiven Kulturvermittler, Professor George Gutu.

Wenn ich, da so Freundliches über mich gesagt wurde, nun diese Ehrung annehme, so möchte ich doch darum bitten, diese nicht nur auf meine Person beziehen zu dürfen, sondern auf jene alle, die es ermöglicht haben, daß ich in einer so repräsentativen Funktion als Lehrer die Aufmerksamkeit auf mich ziehen konnte: Das gilt zunächst für meine Kolleginnen und Kollegen an der Universität und im Österreichischen Literaturarchiv, für jene ehemaligen Studentinnen und Studenten, die nun an exponierter Stelle im In- und Ausland als Lehrer und Forscher für österreichische Literatur tätig sind, das gilt für jene vielen Beamten, die im Kulturaustausch tätig sind, auch für unser Unterrichtsministerium, das in großzügiger Weise Studierenden aus dem Ausland behilflich ist, in Österreich zu studieren und hier im besonderen auch die literaturwissenschaftlichen Studien fördert.

Besonders hervorgehoben sei hier das Werfel-Stipendium, das eine qualifizierte Ausbildung im Bereich der österreichischen Literatur ermöglicht. Ich möchte aber vor allem jenen jungen Forschern und Forscherinnen danken, die aus den verschiedensten Ländern nach Wien gekommen sind, besonders jenen aus Rumänien, die sich mit staunenswerter Sachkenntnis und einem selbstlosen Einsatz mit der Literatur meines Heimatlandes beschäftigt haben.

Ihnen allen verdanke ich es, daß ich heute hier stehen darf, ich fasse als eine Hommage auch für ein Österreich auf, das sich durch seine Literatur repräsentiert sehen möchte, eine Haltung, der sie heute leider in der österreichischen Öffentlichkeit nicht allzu oft begegnen werden.

Ich fasse es auch als ein Ehrbezeugung für das Fach auf, das zu vertreten ich das Glück habe, die deutsche Philologie (also nicht österreichische Philologie!), für eine Disziplin, die sich so leicht in den Dienst des Nationalismus nehmen ließ und die heute, so möchte ich es formulieren, gerade in einem übernationalen Dienst steht und mehr dazu beiträgt, die Mauern zwischen den Völkern abzutragen, aber nicht im Sinne einer Gleichmacherei, sondern mit der Anstrengung, das Andere und das Fremde kennen und verstehen zu lernen, und damit einem Europa zu dienen, dessen Reize und Stärken in seiner Unterschiedlichkeit liegen, und dessen Reize und Stärken um so größer und attraktiver werden, je mehr es auch seine politische und ökonomische Sphäre nach dem Osten erweitert, denn mental und kulturgeschichtlich gehört das Land, in dem ich stehe längst dazu.

Der ehrwürdigen philologischen Disziplin, mag sie nun Germanistik, Romanistik, Anglistik oder Slawistik oder Gräzistik heißen wächst dabei eine wichtige kulturpolitische Aufgabe zu, die von keiner anderen Disziplin übernommen werden kann. Wenn wir die Unterschiede von Sprachen und Kulturen lehren, so nicht, um Barrieren aufzubauen, sondern um dem Wort eines deutschen Dichters, Friedrich Hölderlins zu Transparenz in der Praxis unseres Lebens zu verhelfen: „Unterschiedenes ist gut.“ Und diesen belebenden Unterschieden wollen wir dienen.

Die deutsche und die (von George Guţu besorgte) rumänische Fassung erschienen auch in: George Guţu, Doina Sandu (ed.), Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (II). Der Bukarester Germanistiklehrstuhl. Editura Universităţii din Bucureşti, Bucureşti 2005 (Anm. der GGR.)

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