GERMANISTIKINSTITUT DER UNIVERSITÄT BUKAREST

Univ.-Prof. Dr. George Gutu,

Leiter des Germanistikinstituts

der Universität Bukarest,

Präsident der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens

 

LAUDATIO

 

auf Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler,

Dekan des Instituts für Germanistik der Universität Wien,

bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde

der Universität Bukarest

am 27. Februar 2004

 

Sehr geehrte Anwesende,

heute haben wir die besondere Freude, einen hervorragenden, profilierten und weltweit anerkannten Germanisten und Humanisten, den Dekan des Instituts für Germanistik der Universität Wien, den ordentlichen Universitäts-Professor Dr. Mag. Wendelin Schmidt-Dengler begrüßen und ehren zu können.

Die Initiative zu dieser Ehrung ergriff der Germanistiklehrstuhl der Universität Bukarest, dem Prof. Schmidt-Dengler seit vielen Jahren eine konsequente berufliche Verbundenheit und Solidarität entgegenbrachte. Diese menschlichen Beziehungen rundeten den enormen Gewinn ab, den Lehrkräfte und Studenten der Germanistik in Bukarest, in Rumänien, in vielen Ländern der Welt durch die Lektüre, das Studium seiner nicht nur informativ, sondern auch stilistisch-diskursiv beeindruckenden Bücher, Aufsätze, Stellungnahmen, Vorträge und Diskussionen erzielen konnten.

Meine Damen und Herren,
Unser Kollege, O. Univ.-Prof. Dr. phil. Wendelin Schmidt-Dengler (geb. 1942 in Zagreb) lehrt seit mehr als fünfunddreißig Jahren an der Universität - ob an seiner Stammuniversität in Wien oder als Gastprofessor in Klagenfurt, Salzburg oder Graz sowie in Pisa, Neapel oder Stanford. Durch seine hervorragenden Fachkenntnisse, durch die Eleganz, Prägnanz und Expressivität seines wissenschaftlichen Diskurses fasziniert er alle seine Zuhörer. Seine thematisch reizvollen Vorträge legen nicht nur ungeheure Gelehrsamkeit, sondern auch die gegenwartsbezogenheit all seiner literaturhistorischen, literaturtheoretischen oder essayistischen Dis- und Exkurse an den Tag. Seine ständig neue Probleme und Aspekte der österreichischen und deutschen Literaturgeschichte angehenden Lehrveranstaltungen verzeichnen einen beeindruckenden studentischen Zulauf. Ob es sich um den deutschen Roman von 1790 bis 1848, um die Klassik und Romantik, um die Literatur in Österreich von 1890 bis 1914, um die Literaturgeschichte zwischen 1848-1945, um die Texte und Analysemethoden der "schweren Literatur" in der neueren deutschen Literatur, um den "Witz" in Literatur, Musik und Kunst, um die Komödie um 1800, um die deutsche Literatur und die bildende Kunst von 1750-2000 oder auch um das Drama in Österreich nach 1990 handelt, verbindet Prof. Schmidt-Dengler in bemerkenswerter Konsequenz und mit hervorragender Wirkung die rein pragmatische Information mit gelehrter und einfühlsamer Inderdisziplinarität, Interkulturalität und Intertextualität und bietet dadurch ein komplexes, vielschichtig-dynamisches, facettenreiches Bild von Literatur-, Geistes- und Kulturgeschichte, das kritische Distanz, scharf urteilenden Verstand mit bitter-ironischen Einschüben an den Tag legt. Dieses von ihm ganzen Generationen von Studenten und Lesern vermittelte Bild fasziniert und entmythisiert zugleich, offenbart Querverbindungen und zeitübergreifende Zusammenhänge, sprengt die engen disziplinären Grenzen und eröffnet hermeneutisch und heuristisch neue, in hohem Maße zusagende Horizonte. Er vergleicht dabei verschiedene literarische und Kulturepochen miteinander, behandelt Grundfragen der Hermeneutik und macht immer wieder anhand von einschlägigen Beispielen ganze Querschnitte durch die Literatur- und Geistesgeschichte einprägsam erkennbar.

Prof. Schmidt-Dengler bleibt keineswegs dem monologisch angelegten Dozieren verhaftet, sondern er sucht stets den dialogischen Ansatz, der auch der Absicht zur "delectare" entspringt. Selbst in seinen Büchern und Aufsätzen weiß er, seine "Flaschenpost" in die richtigen Gewässer zu werfen in der sicheren Hoffnung, dass seine Botschaft dadurch ein Du, einen noch so fernen und unbekannten Gesprächspartner erreichen wird.

In seiner universitären Praxis sucht er ständig den Dialog mit den Studierenden, seine Konversatorien - Lehrveranstaltungen mit deutlich praktischem Bezug - sind begehrt und jedes Mal ein intellektueller Genuß.

In seiner Forschungstätigkeit widmete sich unser österreichischer Ehrengast vorwiegend der Literatur seines Landes, wobei Nestroy und Thomas Bernhard und die Grazer Avantgarde eine zentrale Rolle spielten. Die Spannbreite seines Forschungsfeldes erstreckt sich aber bis zur Zeit Goethes, in der er der Wirkungsgeschichte antiker Mythologeme akribisch nachgeht. Intensiv beschäftigte er sich auch mit den "Ingenieurdichtern" des ersten Drittels des 20. Jh.s: Robert Musil, Hermann Broch und Rudolf Brunngraber. In einem Interview bekannte er, dass im Bild vom Gelehrten von der Antike bis heute "substanziell wenig Neues dazugekommen" sei und erinnert in diesem Zusammenhang an die Geschichte des Philosophen Thales, der in die Grube fällt und von einer Thrakerin verlacht werde: "Das ist die Ursituation, die Weltfremdheit des Gelehrten." Von einer solchen "Weltfremdheit" kann jedoch beim Gelehrten Schmidt-Dengler kaum die Rede sein.

Prof. Schmidt-Dengler ist auch in der Editionswissenschaft und Editionspraxis heimisch, er besorgte mehrere Bände der Heimito von Doderer-Ausgabe, gab die Werke von  Fritz von Herzmanowsky-Orlando mit heraus, versah zahlreiche Bände mit seinen präzisen und sachlich-einfühlsamen Vor- und Nachworten sowie Kommentaren.

Der Weitblick, der andere Blick, das Verständnis für das und die Fremde schlich sich schon sehr früh in Schmidt-Denglers Welt- und Menschenbild ein. In Zagreb (Kroatien) geboren, erblickte er 1942 die Welt an einem der vielen Ränder, die früher Teile der Habsburgermonarchie waren. Das ganze ehemalige Territorium des Reiches, also Mittel-, Ost- und Südosteuropa, ist auch heute noch weitgehend geprägt vom Bild der Mehrsprachigkeit, der bunt-gemischten Völkerschaften. Der Wiener Professor auch, der später in Wien Klassische Philologie und Germanistik studierte und mit einer Dissertation über die "Confessiones" des Aurelius Augustinus zum Dr. phil. promovierte. Seit 1966 ist er am Wiener Germanistischen Institut ununterbrochen tätig, wo er sich 1974 habilitierte und 1989 zum ordentlichen Professor ernannt wurde.

Mehrere österreichische Preise leiteten seine zunehmende öffentliche Anerkennung ein.
Ausgehend von dem berühmt gewordenen Roman "Die letzte Welt" von Christoph Ransmayr sinniert Schmidt-Dengler in seiner Schrift "Literatur in Österreich nach 1990" über das Motiv der Metamorphose, das in Goethes "Faust II" ebenso wie in Franz Kafkas Erzählung "Verwandlung" zur Geltung kommt. Der Roman des österreichischen Autors Ransmayr berechtige zu der Aussage - so Schmidt-Dengler -, "dass kaum ein anderes Werk so in der Kulturgeschichte verankert ist - neben der Bibel - wie dieses." Und in Anerkennung dieser intertextuellen und interkontextuellen Bezüge führt der Literaturhistoriker aus: "Er /Ransmayr/ parasitiert - und ich verstehe das nicht negativ - auf den Metamorphosen Ovids." Damit ist bereits ein wichtiger Berührungspunkt der fiktiven Welt Ransmayrs und der realen Welt- und Kulturgeschichte tangiert: Der Verbannungsort Ovids und Handlungsort des Romans ist Tomis am Pontus Euxinus, in Scythia Minor, an der heutigen rumänischen Schwarzmeerküste. Prof. Schmidt-Dengler ist nicht nur dadurch in unsere Existenznähe gekommen, dazu trugen auch Werke von von ihm hochgeschätzten Autoren wie Tristan Tzara, E.M. Cioran, Mircea Eliade, Eugen Ionesco, der früheren Dichter Mihai Eminescu und Lucian Blaga, deren Spuren in Wien, der Stadt ihrer intensiven Studien, auch heute noch präsent sind, wesentlich bei. Auch über rumäniendeutsche Autoren wie Oskar Pastior, Herta Müller oder Richard Wagner erhielt er wesentliche Impulse dazu, sich mit der multikuturellen Landschaft Rumäniens sowie mit seinen Menschen, seiner Kultur und Zivilisation zu beschäftigen.
Prof. Schmidt-Dengler war jahrelang Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik, leitete und leitet weiterhin das wertvolle Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Er unterstützte die Herstellung und den Ausbau der Beziehungen zwischen der ÖGG und der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens als gemeinsame fachlich-kulturelle Zielsetzungen anstrebenden Verbänden und steuerte der Fachpublikation der GGR, der „Zeitschrift der Germanisten Rumäniens“, sowie der neugegründeten Publikation "transcarpathica. germanistisches jahrbuch Rumänien" wertvolle und anregende wissenschaftliche Beiträge bei. In einem "ZGR"-Sonderheft Österreich veröffentlichte er den grundsätzlichen Beitrag "Vom Staat, der keiner war, zur Literatur, die keine ist. Zur Leidensgeschichte der österreichischen Literaturgeschichte" (
Heft 9-10, 1996) er mit dem grundlegenden Beitrag.

Mit besonderem Einsatz fördert Prof. Schmidt-Dengler seit Jahren die rumänische Germanistik als eine der aktiven und vielfältigen, traditionsreichen Auslands-Germanistiken. Er betreute aus Rumänien stammende Masteranden und Doktoranden, Franz-Werfel-Stipendiaten, Übersetzer und Kulturleute. Stets befürwortete er die gegenseitigen Mobilitäten von Lehrkräften und StudentInnen rumänischer und österreichischer Universitäten, begleitete mit Sympathie die Initiativen der rumänischen Germanistik – Kongresse, Tagungen und Symposien, und unterstützte nicht zuletzt auch eine Reihe von Publikationen. In diesem Zusammenhang geradezu beispielhaft ist seine Anerkennung der auslandsgermanistischen Lehre und Forschung, der die internationale Fachwelt wesentliche, neue Impulse zu verdanken habe. In seinem Aufsatz mit der Aufschrift "Die kleine österreichische Literatur und die große weite Welt. Zum Verhältnis von Inlands- und Auslandsgermanistik aus der Sicht eines sehr Betroffenen" ("transcarpathica"...) führt er über seine Kontakte zur Auslandsgermanistik aus: "Vor allem aber wurde mir bewußt, wie notwendig die Außenansicht ist; ohne den Blick von außen hätte die deutsche und die österreichische Literatur nie ihre Konturen gewonnen, da wir meistens geneigt waren, unsere eigenen Voraussetzungen nie und nimmer zu befragen"; "Ich bin auf Grund der Entwicklung in den letzten zehn Jahren guten Mutes - die Auslandsgermanistik hat uns entschieden zur Revision unseres Selbstverständnisses gezwungen, und wenn wir nicht angesichts der Behandlung, die den Geisteswissenschaften hierzulande derzeit durch das akademische Management zuteil wird, resignieren, so verdanken wir das zu einem guten Teil jenen KollegInnen, die uns im besten Sinne aus der Ferne heimsuchen und an den Gegenständen unserer Disziplin nicht nur ein neues Interesse zu wecken vermögen, sondern ihnen auch eine neue, übernationale Dignität verleihen."

Für diese "neue, übernationale Dignität" plädiert Prof. Schmidt-Dengler auch in seinen öffentlich stark beachteten Stellungnahmen. Er hat er sich als eine aktive, meinungsbildende Persönlichkeit der österreichischen Öffentlichkeit bleibende Verdienste erworben. Seine aktuellen Stellungnahmen zur Problematik der Art und Weise der Einführung neuer Bildungs- und Ausbildungsstrukturen in Österreich wurden auch in anderen Ländern, darunter Rumänien, mit großem Interesse aufgenommen, da die Freiheit von Lehre und Forschung auch den rumänischen Akademikern in gleichem Maße am Herzen liegen.

Auch von nun an hoffen wir auf seinen verständnisvollen Zuspruch für gemeinsame wissenschaftliche und editorische Projekte, die nicht nur zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern auch zur geistigen und mentalitären Annäherung unserer beiden Völker und Staaten beitragen werden.

Wir sind überzeugt, daß unser hochverehrter Kollege aus Wien die Bukarester Germanistik, die Germanistik in Rumänien im Sinne grenzüberschreitender und völkerannähernder Absicht weiterhin, ja verstärkter als bisher unterstützen wird. Seite an Seite wollen wir intensiver arbeiten an jenem Zustand, den sich Friedrich Hölderlin, den Sie in Ihrer Aufsehen erregenden jüngsten Rede zitierten, herbeisehnte, "wo Herrschaft nirgends ist zu sehen bei Geistern und Menschen"!

Ihnen, lieber Herr Kollege Schmidt-Dengler, gratuliere ich im Namen der Bukarester Universität, des Germanistiklehrstuhls der Universität Bukarest sowie im Namen aller in der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens zusammengschlossenen Kolleginnen und Kollegen zu dieser hohen Auszeichnung und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrer verantwortungsvollen humanistisch geprägten Tätigkeit.

Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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