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Autorenlesung:

"Multikulturelle Lebensräume: Brücken, Passagen, Verflechtungen, Übergänge"

Donauschwäbisches Zentralmuseum, Ulm, den 11. März 2005

Moderation: Stefan Sienerth, München; George Guţu, Frankfurt (Oder) / Bukarest

ZENTRALMUSEUM / Deutschsprachige Autoren

VERLUST DER TRADITIONEN

Fünf deutschsprachige Autoren aus Rumänien und Ungarn*) stellte das Doanuschwäbische Zentralmuseum in einer gemeinsamen Lesung vor

Die deutschen wurden nach 1945 nicht aus Rumänien vertrieben, daher blieb die Tradition der deutschsprachigen Literatur dort erhalten. Mit dieser These zur deutschsprachigen Literatur besonders im Banat eröffnete Stefan Sienerth, Leiter des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München, seinen einleitenden Vortrag zur Lesung im Donauschwäbischen Zentralmuseum. Unterstütz wurde er in der Moderation von George Guţu von der Universität Bukarest.

Den Auftakt machte die 1938 geborene Annemarie Podlipny-Hehn. Sie ist promovierte Kunsthistorikerin und Vorsitzende des Literaturkreises "Stafette" in Temeswar und engagiert sich als solche für junge Autoren. Sie trug Passagen aus ihrem Buch über Carmen Sylva vor. Carmen Sylva ist das Pseudonym  der "zu ihren Lebzeiten gefeierten Königin von Rumänien", die sich in allen Bereichen der Kunst verdient gemacht habe, erklärte Annemarie Podlipny-hehn. Die Autorin ist übrigens die Schwester der in Ulm lebenden Lyrikerin Ilse Hehn.

Etwa zur gleichen Generation wie Annemarie Podlipny-Hehn gehört die ungarische Autorin Anna Maria Popescu. Sie las unter anderem das Prosafragment "Das Bad des Alten" vor, in dem ein Mann seinen sterbenden Vater besucht und ihn in einer Art ritueller Handlung noch einmal badet.

Mit der 1983 in Temeswar geborenen Petra Curescu kam die jüngere Generation deutschsprachiger Autoren zu Wort. Ihre Gedichte sind auffallend kurz und direkt. So etwa das Gedicht "Frage": "Warum / habe ich meine Welt zerstört / Und bin dann in eure gezogen? // Warum / bin ich deshalb / überhaupt nicht verwundert? // Und wieso / habe ich jetzt / gerade gelogen?" Hier gibt es keine Metaphern, keinen hohen Ton, ja fast keine Kunst.

Einen ganzen Zyklus mit Gedichten über sein Heimatdorf hat der 1961 in Großpold geborene Michael Astner geschrieben. Wenn er in einem Gedicht vom Hühnerstall am Fernsehgerät vorbei zum Interview geht, dann ist das die Beschreibung der Veränderungen in seinem Dorf. Was verloren geht, ist die Tradition, was sich auch im Gespräch zweier alter Frauen zeigt, die konstatieren, dass es genügend Särge gebe. Schade sei nur, dass keine Blasmusik mehr die Särge begleitet.

Als letzter las Lucian Vărşăndan. 1975 in Arad geboren, ist er Redakteur der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien und Dramaturg am Deutschen Theater in Temeswar. Für das Thema Multikultur hat er ein pointiertes Prosagedicht verfasst mit dem Titel "ausländer richtung frankfurt": "wir sind ein tolerantes mehrvölkerabteil // auf rumänisch türkisch und arabisch / fordern wir / das recht auf einen mehrsprachigen schaffner." Zum Abschluß las der Autor eine Prosacollage, die abwechselnd Zeilen des "Vater Unser" mit der Schilderung eines Trauerzugs verband.

Auffallend war bei fast allen vorgetragenen Gedichten und Texten, dass die Stimmung elegisch, die tragenden Themen der Tod, die zerstörte Tradition und die Hoffnungslosigkeit sind. Ob das Zufall oder ein Spiegelbild der deutschsprachigen Rumänen ist, hat der insgesamt interessante Abend nicht beantwortet, bei dem allein die doppelt besetzte Moderation hätte differenzierter ausfallen müssen.

Ottfried Käppeler

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*) Anmerkung: Die ungarische Autorin Anna Maria Popescu  lebt und schreibt in Rumänien und ist schlichtweg rumänische Staatsangehörige. In Temeswar ist sie Vizepräsidentin der örtlichen Zweigstelle des Rumänischen Schriftstellerverbandes. (Web-Red.)
 

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