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GERMANISTIKINSTITUT DER UNIVERSITÄT BUKAREST ANSPRACHE von Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth, Institut für Deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus Anlass der Entgegennahme des Titels eines Honorarprofessors der Universität Bukarest am 16. Oktober 2002 „Die siebenbürgische Geistigkeit ... hat auch mich in meiner geistigen und beruflichen Entwicklung geprägt“[1] Im Zuge der zunehmenden Internationalisierung der Beziehungen der rumänischen Germanistik werden neue Momente konkreter, intensiver Zusammenarbeit zwischen Hochschuleinrichtungen in Rumänien und im Ausland gemeldet. Nachdem zwischen dem Bukarester Lehrstuhl für Germanistik und dem neu gegründeten Institut für Deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München, zu dessen Gründungsmitgliedern auch der Leiter des Bukarester Germanistiklehrstuhls, Prof. Dr. George Guţu gehört, eine Vereinbarung über die bilaterale Zusammenarbeit abgeschlossen wurde, verlieh die Fakultät für Fremdsprachen der Universität Bukarest dem Münchner Germanisten Dr. Stefan Sienerth die Honorarprofessur. Bei der feierlichen Übergabe des Honorarpofessordiploms im Professorenratssaal der ehrwürdigen Fakultät am 16. Oktober 2002 wurden die Verdienste Dr. Sienerths zur Vertiefung und Festigung der Beziehungen zwischen der rumänischen germanistischen Forschung und Lehre und den einschlägigen deutschen Einrichtungen gewürdigt. Die Laudatio sprach Prof. Dr. George Guţu, Leiter des traditionsreichen Bukarester Germanistiklehrstuhls. In seiner Antwort führte der Ehrengast und Mitarbeiter des Bukarester Germanistiklehrstuhls aus:
Sehr geehrte Frau Dekan, Sehr geehrter Herr Vizerektor, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, ich gestehe, sehr gerührt davon zu sein, dass Sie die Freundlichkeit hatten, mir diesen wertvollen Titel des „doctor honoris causa“ der Fakultät für Fremdsprachen der ehrwürdigen Universität Bukarest zu verleihen. Ihre Geste ehrt mich und weist gleichzeitig auf die Anerkennung meiner bescheidenen Bemühungen um den Deutschunterricht, um die Pflege der deutschen Sprache und Literatur hin; ich beziehe mich dabei auf meine Tätigkeit der letzten Jahrzehnte als Lehrkraft am Pädagogischen Institut in Târgu Mureş/Neumarkt und vor allem an der Universität in Sibiu/Hermannstadt (1971 – 1990) sowie im Bereich der Erforschung der Geschichte der rumäniendeutschen Literatur. Die Verleihung dieses Titels ist zugleich Ausdruck der fruchtbaren Entwicklung meiner Beziehung zum Bukarester Germanistiklehrstuhl, deren Anfänge in die Zeit zurückreichen, als ich in Rumänien in Lehre und Forschung tätig war. Unter den gegebenen Umständen nach 1989 traf ich auch die überhaupt nicht leichte Entscheidung, nach Deutschland zu übersiedeln, wo ich nun als Forscher im Institut für Deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München arbeite – einer traditionsreichen Einrichtung zur Erforschung kultureller und geistiger Interferenzen in diesem multiethnischen Raum Europas.[2] Bereits zu Beginn der 90er Jahre habe zur intensiveren Gestaltung der Beziehungen meines Instituts in der bayrischen Hauptstadt zum Germanistiklehrstuhl Ihrer Fakultät, bzw. zur Gesellschaft der Germanisten Rumäniens beigetragen. Seit 1994 habe ich auf Anregung der rumänischen Seite die ehrenvolle Aufgabe übernommen, gemeinsam mit rumänischen Kollegen auf den renommierten Kongressen der Germanisten Rumäniens eine eigene Sektion zu gestalten, in der jeweils die enge Verbindung zwischen der weltweiten germanistischen Forschung und derjenigen in Rumänien belegt werden soll. Als Folge dieser Kongresse haben wir in unserem Institut einige Bände mit Aufsätzen herausgegeben, denen weitere folgen werden - so spätestens nach dem Kongress in Hermannstadt im nächsten Frühjahr.[3] Gleichzeitig habe ich begonnen in regelmäßigen Zeitabständen als Gastprofessor Vorlesungen und Seminare in deutscher Literatur am Bukarester Germanistiklehrstuhl vorzutragen, ebenso wie ich dasselbe in München und in Budapest anbiete. Vor kurzem ist zwischen dem von mir vertretenen Institut und dem Germanistiklehrstuhl der Universität Bukarest eine Vereinbarung über die bilaterale Zusammenarbeit abgeschlossen worden. Dabei wird die Initiative dieses Lehrstuhls, ein Zentrum zur Erforschung der rumäniendeutschen Literatur zu gründen und besonders die Erhaltung und Pflege sowie die Verwertung der reichhaltigen Dokumentation im Bukarester Alfred-Margul-Sperber-Nachlaß zu fördern, der derzeit im Museum für Rumänische Literatur aufbewahrt wird. Es sind zugleich auch weitere bilateraler (München - Bukarest) Vorhaben und Aktivitäten oder solche mit vielseitiger Beteiligung vorgesehen, von denen ich nur ein besonders wertvolles Projekt erwähne, und zwar das umfangreiche, beinahe tausend Autoren und Autorinnen umfassende Wörterbuch der deutschsprachigen Schriftsteller im Südosten Europas, an dem Fachleute von Universitäten und Forschungsinstituten in Deutschland, Österreich, Rumänien, Ungarn, Slowenien, Serbien, Kroatien und der Slowakei bereits seit mehreren Jahren mitarbeiten. Nach Aufzählung dieser konkreten Fakten erlauben Sie mir, ein Geständnis abzulegen: meine wissenschaftlichen und didaktischen Beziehungen zu Rumänien, dem Land, wo ich zur Welt gekommen bin und in dem mein beruflicher Werdegang größtenteils geprägt wurde, mit dem ich durch eine Vielzahl von mehr oder weniger angenehmen Erinnerungen verbunden bin, Erinnerunge an Zeiten der Not in einer ideologisch und politisch unglücklichen Epoche, in der trotzdem auch berufliche und private Erfolge nicht ausblieben, sind seelisch zutiefst verankert. Ich entstamme der traditionellen siebenbürgischen Bauernwelt; meine Kindheit verbrachte ich in einer – obwohl kurz nach dem Krieg – noch relativ gut organisierten Gemeinschaft, in der Nähe einer Kirche mit alten, hohen burgähnlichen Mauern. Alle Dorfbewohner hatten ungeachtet ihres sozialen Standes und ihrer Muttersprache freien Zugang zu meinem Elternhaus sowie zum nah gelegenen Haus meiner eine Mülle betreibenden Großeltern. (Ich bedauere, dass Professor Vasile Morar von der Filosofie-Fakultät heute nicht dabei sein kann – er nimmt gerade als Gutachter an einem Promotionsverfahren teil. Mit diesem Kollegen, der vielen von Ihnen wohl bekannt ist, verbinden mich Erinnerungen an die Jahre unserer am Ufer der Großen Kockel verbrachten Kindheit. Er könnte meine Behauptungen vollauf bestätigen.) Im Sinne der Achtung dem ‚Anderen’ gegenüber erzogen, konnten sich in meinem Leben infolge der weiteren Schulung – Lyzeum und Hochschule – eingetretene ‚Landschaftsänderungen’ nicht beeinträchtigend auf mich auswirken, sie boten mir im Gegenteil die Gelegenheit, viele Menschen aus den verschiedensten Schichten, mit verschiedenen Mentalitäten kennen zu lernen. Wenn ich von den letzten Jahren der Diktatur absehe, kann ich mich für glücklich schätzen, einen Gutteil meines Lebens in der schönen, unvergesslichen Landschaft Rumäniens verbracht zu haben. Ich hatte und habe Freunde unter den Rumänen, Ungarn und den anderen Volksgruppen in Rumänien. Es sind das Menschen von mit einem wertvollen sittlichen, menschlichen und beruflichen Verhalten. Die siebenbürgische Geistigkeit, der südosteuropäische Menschenschlag, der gleichermaßen der Kultur seiner Nationalität als auch der Kultur anderer Völker angehört, mit denen er zusammen lebt, die Fähigkeit, anderen intellektuellen Bereichen gegenüber offen zu sein haben auch mich in meiner geistigen und beruflichen Entwicklung geprägt – und ich versichere Ihnen, dass ich in diesem Sinne meine bescheidene Rolle als Kulturmittler und -vermittler zwischen unseren Ländern weiterhin spielen werde, und zwar so, wie mein früherer Landsmann, dem berühmten, ebenfalls aus Rumänien stammenden Germanisten Karl Kurt Klein diese Aufgabe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts verstand. Dem Professorenrat der Fakultät für Fremdsprachen der Universität Bukarest gehörten im Laufe der Jahrzehnte und gehören gegenwärtig bedeutende Persönlichkeiten der rumänischen Kultur an. Als Doktorand und Doktor dieser Alma Mater beeinflussten mich ihre Persönlichkeiten geistig und fachlich in hohem Maße. Die zu knappe Zeit erlaubt es mir nicht, alle rumänisch- sowie deutschsprachigen Schriftsteller und Kulturleute, die in meinem geistigen Leben tiefe Spuren hinterließen, hier zu erwähnen. Aus demselben Grunde vermag ich nicht einmal einige von den Schriftstellern, Philosophen und Literaturkritikern aus den Kulturräumen der französischen, englischen, italienischen, russischen und anderer Sprache aufzuzählen, die ich größtenteils über das Rumänische kennen lernen konnte. Meine Professoren aber, die der Promotionskommission im Jahre 1979 angehörten, kann ich nicht übersehen: Sevilla Răducanu, Mihai Isbăşescu, Jean Livescu und Alexandru Dima. Ich nütze diesen Augenblick, um ihnen meine aufrichtige Dankbarkeit auszusprechen. Das ist ein Grund mehr dazu, auf den von Ihnen verliehenen Titel stolz zu sein, und ich versichere Sie, dass ich nach all meinen Kräften ständig Ihre Bemühungen unterstützen werde. Ein Blick in den Saal lässt mich erfreulicherweise einige meiner jetzigen Studenten entdecken. Ihr Interesse für das Studium der deutschen Literatur, insbesondere der rumäniendeutschen Literatur, veranlasst mich, auch in Zukunft die Germanistik in Bukarest, in ganz Rumänien zu unterstützen und vor allem junge rumänische Forscher und Studierende der Germanistik zu fördern. In einer Zeit der Globalisierung zwischenmenschlicher und interkultureller Beziehungen gewinnen direkte, persönliche Kontakte eine zunehmende Bedeutung. Ich hoffe, die Gelegenheit zu bekommen, so oft wie möglich mich unter den Lehrkräften Ihrer Hochschule aufzuhalten, an der Lehr- und Forschungstätigkeit meiner Germanistik-Kollegen in Bukarest teilzunehmen oder sie als Gastgeber an unserem Institut in München zu begrüßen. Ich bedanke mich bei Frau Dekan, Prof. Dr. Sanda Râpeanu, für die mir erwiesene Ehre, den Vorsitz dieser Festlichkeiten übernommen und dabei eine freundliche Ansprache gehalten zu haben, ich danke Herrn Prorektor, Prof. Dr. Ioan Pânzaru[4], dafür, das er sich die Zeit nahm, um hier dabei zu sein, dem namhaften Germanisten, Prof. Dr. George Guţu, dem ich mich geistig wahlverwandtschaftlich verbunden fühle und mit dem ich seit länger als zwei Jahrzehnten in guten wie auch in schlechten Zeiten einen gemeinsamen Weg zurücklegte. Ihm sei zugleich gedankt für die lobende Darstellung meiner didaktischen und wissenschaftlichen Tätigkeit. Nicht zuletzt möchte ich allen Fachkollegen vom Bukarester Germanistiklehrstuhl für die Initiative zu dieser Titelverleihung danken, dem Professorenrat der Fakultät für Fremdsprachen und dem Senat der Universität Bukarest für die Befürwortung der Initiative. Ich versichere Sie meiner Hochachtung und meines Entschlusses, keine Mühe zu scheuen, um der angenehmen Überraschung, mir den Titel „doctor honoris causa” zu verleihen, konkrete Taten folgen zu lassen. Zugleich wünsche ich Ihnen Erfolg in all Ihren geistigen Bemühungen im Dienste Ihrer hoch angesehenen Alma Mater, und danke erneut für die mir erwiesene Ehre, mich von nun an als Ihren fernen, dennoch immer nahe stehenden Kollegen betrachten zu dürfen! [1] Sowohl die von Prof. Dr. George Guţu gehaltene Laudatio als auch die Ansprache von Honorarprof. Dr. Stefan Sienerth erschienen in rumänischer Fassung in der „Zeitschrift der Germanisten Rumäniens”, Heft 1-2 (21-22) / 2002, 1-2 (23-24) / 2003, S. 753-755. Die deutsche Fassung erschien auch in: George Guţu, Doina Sandu (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (II). Der Bukarester Germanistiklehrstuhl. Editura Universităţii din Bucureşti, Bucureşti 2005. [2] Im Februar 2005 wurde Honorarprof. Dr. Stefan Sienerth zum Direktor der in der Fachwelt hoch angesehenen Forschungseinrichtung gewählt, die 2005 zum Aninstitut der Maximilian-Ludwigs-Universität München geworden ist. (Anm. d. Herausgeber.) [3] Der VI. internationale Kongress der Germanisten Rumäniens fand im Jahre 2003 in Sibiu/Hermannstadt statt. (Siehe: www.ggr.ro/congr6.htm) [4] Anfang 2005 wurde Prof. Dr. Ioan Pânzaru zum Rektor der Universität Bukarest gewählt. (Anm. d. Herausgeber.)
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