GGR-Beiträge zur Germanistik 16

Besprechung des Bandes

George Guţu, Doina Sandu (Hrsg.): Interkulturelle Grenzgänge. Akten der Wissenschaftlichen Tagung des Bukarester Instituts für Germanistik zum 100. Gründungstag. Bukarest, 5.-6. November 2005

Editura Universităţii din Bucureşti (Verlag der Universität Bukarest), Bukarest 2007 (464 Seiten); ISSN 1843-0058

 

Anlässlich des 100. Gründungstages des Instituts für Germanistik fand an der Universität Bukarest unter Beteiligung zahlreicher internationaler Gäste eine Tagung mit dem Titel Interkulturelle Grenzgänge statt, die sich in vier Sektionen mit insgesamt 54 Vorträgen gliederten. Der Sammelband zur Jubiläumstagung ist in vier Großkapitel gegliedert, die, dem breitgefächerten Spektrum der Forschungen am Institut entsprechend, ein weites germanistisches und kulturwissenschaftliches Forschungsfeld umspannen, das von (interkultureller) Literaturwissenschaft, über Linguistik und Didaktik/Kulturvermittlung bis hin zur Frage germanistischer Fachhistoriographie reicht.

Im ersten, 196 Seiten starken Kapitel „Historizität und Interkulturalität, literaturwissenschaftliche Streiflicher“ sind innovative, komplexe Fachbeiträge versammelt, die chronologisch den Bogen von Otfrid von Weißenburgs Liber evangeliorum aus dem 9. Jahrhundert bis zur rumäniendeutschen und deutschen Gegenwartsliteratur spannen. Hier fällt zunächst Ioana Crăciun-Fischers Beitrag auf, dem es gelingt, sachkompetent herauszuarbeiten, dass wir es bei dem ersten namentlich bekannten Vertreter der deutschen Literaturgeschichte auch mit einem dezidiert politisch operativen Dichter zu tun haben. Neben Vasile V. Poenarus Beitrag über die Komik des Nibelungenlieds bietet Sorin Toma in seiner Untersuchung über den Wechsel des Bild-Paradigmas in Goethes ästhetischen Schriften eine überzeugende Herleitung einer „ikonischen Wendung“ (Gottfried Boehm). Auf ein verwandtes Gebiet führen uns die fundierten Überlegungen, die Romaniţa Constantinescu anlässlich ihrer Übersetzung von Wolfgang Isers zentralem literaturästhetischem Werk „Der Akt des Lesens“ in Rumänische verfasst hat. Dem Verhältnis von künstlerischem Subjekt, Poetik und Wahrnehmung ist auch Maria Irods Untersuchung zum Numinosen in der Poetik von Dieter Schlesak gewidmet. Leyla Cosans Aufsatz zum Judenbild in den deutschen Volksmärchen untersucht die Repräsentationen von Juden in sieben ausgewählten Volksmärchen in den Kontext jahrhundertelanger Judenfeindschaft in Deutschland. Eine interkulturelle und psychologische Deutung des „asiatischen Prinzips“ (insb. anhand der Figur Clawdia Chauchat) in Thomas Manns Zauberberg gelingt Carmen Elisabeth Puchianu. Ana-Maria Pălimariu liefert mit ihrem Aufsatz einen stimmigen Einblick in ihre Konstanzer Dissertation zur Ironie in Martin Walsers Poetologie. Thematisch knüpft hier die ausgezeichnete Untersuchung von Markus Fischer zu Johann Lippets Erzählung Der Totengräber aus dem Jahr 1997 an. Hinsichtlich der künstlerischen Funktion der Ironie werden Unterschiede zwischen beiden Autoren erkennbar. Dem Spannungsfeld zwischen Romanwelt als Geschichtsfiktion widmet sich Patricia Sanda am Beispiel des Romans Morbus Kitahara, den der mehrfach preisgekrönte österreichische Autor Christoph Ransmayr 1995 herausbrachte. In einem weiteren literaturwissenschaftlichen Beitrag deutet Maria Berceanu den Roman Brachland (1990) der wichtigsten Autorin der deutschsprachigen Literatur Israels, Jenny Aloni, plausibel als ein Dokument des Überlebens in einem fremden Land und einer zerstörten Umwelt. Auf thematisch verwandtes Terrain führt Mirela Ioniţă. Sie stellt heraus, dass es sich bei dem Heimatbild der 2002 verstorbenen deutsch-rumänisch-schweizerischen Autorin Aglaja Veteranyi  um eine Fiktion handelt, die sich zwischen Absurditäten, Paradoxien und authentischem Leid entspannt. Auf das Feld der Minderheitenliteraturgeschichtsschreibung begibt sich Sorin Gădeanu ausgehend von einem Tagebucheintrag Kafkas zur deutschsprachigen Literatur in Prag und Warschau. Den Bogen zu aktuellen kulturwissenschaftlichen Theoriekonzepten spannt dann Raluca Rădulescus Beitrag, der dem „Europa“-Begriff in Hans Bergels essayistischem Werk aus der Sicht orientalistischer Theorien (Said, Todorova, Wolff) nachgeht.

Den zweiten großen Themenkomplex des Sammelbandes bilden sprachwissenschaftliche Studien zur intra- und interligualen Kommunikation. Wichtige Akzente setzt hier vor allem der Aufsatz von Volker Hoffmann zu Hermann Pauls Deutschem Wörterbuch (1992-2002) und seiner Neubearbeitung. Sigrid Haldenwang vermag in ihrem Beitrag interessante Bezüge zwischen dem SSWB (dem Siebenbürgisch-Sächsichen Wörterbuch) und dem DWB  (dem Deutschen Wörterbuch) der Gebrüder Grimm herauszuarbeiten. Aus der Vielzahl übersetzungstheoretischer Abhandlungen im Sammelband (Decuble; Draganovici; Guţu) seien hier vor allem die beiden Beiträge der Herausgeber Doina Sandu und George Guţu gewürdigt. Letzterer hat seiner Studie zu Immanuel Weissglas’ rumänischer Fassung von Eminescus Luceafărul eine aufschlussreiche theoretische Betrachtung zu „Übersetzungen als Interreferentialitätszugängen“ vorangestellt. In einem minutiösen Vergleich mit weiteren Übersetzungen des Eminescu-Gedichtes zeigt George Guţu deutlich, dass Weissglas’ Vorgehen einer Neuschöpfung gleichkommt, die sich vor allem um eine Aktivierung der Handlung bemüht. Der linguistische Themenbereich wird abgerundet durch Spezialuntersuchungen zur Dialektologie (Scheuringer/Lăzărescu), zur Pragmalinguistik (Cujbă) und Phraseologie (Sava) sowie zum Spracherwerb (Flagner).

Im dritten großen Themenbereich des Sammelbandes sind unter der Überschrift „Sprachvermittlung im Kulturtransfer“ didaktische und bildungspolitische Aufsätze versammelt, die sich nicht nur mit aktuellen (transnationalen) Entwicklungen im Unterrichtswesen (Aktaş, Moise, Koch), sondern auch mit Aspekten der Sprach- und Kulturvermittlung (Istode, Parpalea) sowie der Literaturvermittlung (Iliescu) befassen.

Das vielgestaltige und abwechslungsreiche Sammelwerk beschließt das Kapitel vier, „Anamnesen und Leistungslust. Zur Geschichte der Germanistik“, aus dem eine Untersuchung von Stefan Sienerth herausragt, die dem bekannten Pädagogen, Schriftsteller und Übersetzer Bernhard Capesius (1889-1981) gewidmet ist. Eine weitere Facette zur Geschichte der Germanistik in Rumänien bzw. Deutschland liefern die Ausätze von Ratcu (Czernowitz), Agache (Karl Kurt Klein und Traian Bratu), Bican (Treitschke) und Corina Petrescu (Kerschensteiner, Hesse) sowie die bis in die Gegenwart hineinführenden Beiträge von Martin Stangl (Österreich-Bibliothek) und Cornelia Eşianu.

Der vorgestellte Sammelband liefert nicht nur einen beeindruckenden Überblick über die vielgestaltigen Forschungsaktivitäten der rumänischen Germanistik, sondern auch über die umfangreichen Bemühungen historischer Reflexion und methodischer wie theoretischer Innovation im Kontext aktueller Forschungsdebatten um Literatur und Interkulturalität.

Iulia-Karin Patrut (Trier)

[Erscheint demnächst in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas. IKGS-Verlag München, Heft 4, 2008]

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