GERMANISTIKINSTITUT DER UNIVERSITÄT BUKAREST

 

REDE

 

 von Prof. Dr. dr. h.c. mult. Theodor Berchem,

Präsident der Universität Würzburg, Präsident des DAAD, bei der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der Universität Bukarest

(3. Juni 1997)

„Zeichen der Anerkennung der engen jahrhundertelangen Beziehungen zwischen unseren Völkern“

Theodor Berchem

Sehr geehrter Herr Rektor, Sehr geehrter Herr Prorektor, Sehr geehrte Frau Dekan, meine Herren Dekane.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Liebe Studentinnen und Studenten, Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Aus ganzem Herzen bedanke ich mich für die schönen Worte, die hier ausgesprochen wurden.

Es ist für mich gleichermaßen eine besondere Ehre und eine große Freude, mich heute unter Ihnen, in Bukarest, zu befinden, um die Ehrendoktorwürde dieser traditions­reichen Alma mater entgegenzunehmen. Vor sehr vielen Jahren – ich könnte fast sagen: in einer anderen Existenz –, als ich als junger Student nächtelang um das Thema meiner Dissertation „Contribution á l'etude des noms d'oiseaux en roumain rang, konnte nicht ahnen, daß sich meine Verbindungen mit diesem Land, Rumänien, mit seinem Volk, mit seiner Sprache und mit seiner Vögelwelt unerwarteter-, erfreulicher- und gleichzeitig ehrenwerterweise tiefgreifend ausgestalten werden. Indem ich an jene Zeit großer Bemühungen und Zweifeln, mit denen sich ein jeder Doktorand konfrontiert sieht, zurückdenke, verspüre ich eine noch größere Dankbarkeit für die Ehre, die Sie mir heute durch die Verleihung der Würde eines doctor honoris causa erweisen.

Diese Auszeichnung schätze ich nicht nur als eine persönliche Ehrbezeigung, sondern erachte sie vielmehr als ein Zeichen der Anerkennung der engen jahrhundertelangen Beziehungen zwischen unseren Völkern, zwischen ihren Vertretern im intellektuellen und universitären Bereich. Deshalb erlaube ich mir, den Titel eines doctor honoris causa anzunehmen sowohl als Repräsentant einer deutschen Universität, die auf eine 400 Jahre alte Tradition zurückblickt, der bayerischen Julius-Maximilian-Universität Würzburg, als auch als Repräsentant einer deutschen Einrichtung, die für ihre internationalen Mittlerdienste im Hochschulbereich Anerkennung genießt, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, den ich seit mehreren Jahren als Präsident leite.

Wenn ich mich auf diese Ämter beziehe, so tue ich es nicht aus sinnloser Eitelkeit, sondern in einer sehr bestimmten Absicht. Sowohl als Privatperson als auch in meiner Eigenschaft als Träger der erwähnten Ämter lege ich sehr viel Wert darauf, dass sich die bereits erwähnten Beziehungen zwischen Rumänien  und   Deutschland   auch   weiterhin ebenso eng gestalten, wie sie – fast immer – in der Vergangenheit gewesen sind. Darüber hinaus müßten die Beziehungen zwischen unseren Nationen – wenn es nach mir ginge – in Zukunft noch enger, noch intensiver aus­gebaut werden.

Heute haben wir mehr denn je diese Chance. Wir können bereits erachten, dass die Jahre der feindlichen Konfrontation zwischen den zwei politischen Blöcken in Europa, dem Westen und Osten, bereits der Geschichte angehören. Von der großen Wende, die unser Kontinent vor nun acht Jahren erschütterte und fast alle bestehenden Formen umstürzte, ist Zeit genug vergangen, um die alten Strukturen radikal zu beseitigen und neue Strukturen einzuführen. Und gerade hier, in Mittel- und Osteuropa, also auch in Rumänien, fanden solche Veränderungen statt, die wir alle uns vor 1989 nicht in den kühnsten Träumen hätten denken können.

Man kann allerdings nicht verneinen – und ich möchte ebenfalls die Dinge keines­wegs rosarot darstellen –, dass der Weg zu neuen Regionen viele Hürden und Schwierigkeiten aufweist. Zahlreiche, oft zu spät erkennbare Hürden stehen dem Reformator im Wege und erschweren seinen unentwegten Gang zum Fortschritt. Und gerade Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, können als Vertreter des geistigen, kulturel­len und wissenschaftlichen Lebens Ihres Landes in diesem Sinne konkrete Belege bringen. Ihr Kollege, Herr Andrei Pleşu, beschrieb sehr genau diesen Umstand in ei­nem vor kurzem in einer deutschen Wochenschrift, der „Zeit, erschienenen Beitrag. Ich zitiere in der Übersetzung: „Die Geschichte der Leiden der Wissenschaften in Osteuropa würde eine eigene Erforschung verdienen. Aufgrund der dabei gewonnenen Erkenntnisse könnte der Westen die Liebe zum intellektuellen Risiko, das Interesse für das Unvorhersehbare, für ein wissenschaftliches Enga­gement auf der Grundlage der Phantasie und Mut, nicht nur von Pragmatismus und Evaluierungen entdecken. Weniger Realismus, weniger Konformismus – das ist das Denkmuster, das die osteuropäischen Wissenschaftler nach ihrer langen Reise durch das Reich des Unmöglichen bieten könnten.“

Was Herr Pleşu hier in einem leicht iro­nischen Tonfall beschreibt, ist ein Umstand, dessen Lösung von dem Betroffenen einen maximalen Einsatz und ein tiefes Vertrauen in die Zukunft abverlangt. Deshalb verdient die Art und Weise, in der Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sich dieser Provokation stellen, höchste Achtung und volle Be­wunderung.

Aus vielen persönlich geführten Gesprächen weiß ich, dass es in Ihrer Region und in Ihrem Land einige Konstanten gibt: den festen Willen zur Erneuerung, den ansteckenden Mut zur Veränderung, die energische Entschlossenheit zur Wiedereinführung einer funktionalen intellektuellen Gemeinschaft, die sich im neu gefestigten Kultur- und Bildungsbereich bereits bemerkbar macht.

Ich möchte in diesem Zusammenhang die Äußerung des deutschen Außenministers, Herrn Dr. Klaus Kinkel, anführen, der vor einigen Wochen hier in Bukarest folgendes sagte: „Der Reformkurs ist nicht einfach, doch er stellt die einzige Chance dar. Deshalb darf der Reformwille nicht schwächer werden.“ Ebenso wie unser Außenminister, dessen Äußerungen ich mich voll und ganz anschließe, verstanden viele deutsche Bürger die Bedeutung der Anstrengung unserer osteuropäischen Freunde. Hand in Hand mit dieser Anerkennung geht jedoch auch die Überzeugung mancher von meinen Mitbürgern, dass die Bewunderung allein nicht ausreicht. Auch von uns werden Taten gefordert. Als Präsident des DAAD bin ich in der glücklichen Lage, die langen und äußerst fruchtbaren Beziehungen erwähnen zu können, die meine Institution mit ihren rumäni­schen Partnern verbinden. Dass wir die akademischen Kontakte und Austausche weiterhin intensivieren wollen, haben wir noch zu Beginn der 90er Jahre deutlich bewiesen – ich hoffe es zumindest. Und auf diesem erfolg- und ertragreichen Weg wollen wir auch in den nächsten Jahren voranschreiten.

Um noch deutlicher zu werden, gestatten Sie mir, einige Tatsachen anzuführen, die das beeindruckende Niveau unserer Zusammenarbeit zeigen. Mit Beginn des akademischen Jahres 1991/92 wuchsen die Zahlen unserer akademischen Austausche in fast allen Be­reichen zu. Hier nur einige Beispiele, die diese Behauptung belegen: Im akademischen Jahr 1996/97 erhielten 32 rumänische Hochschulabsolventen Weiterbildungsstipendien in Deutschland, weitere neun waren und sind noch ein Semester lang unsere Gäste, und für 1996 konnten drei kurzfristige und eine langfristige Dozentur vermittelt werden. Ich möchte auch die 9 deutschen Gastlektoren an Universitäten Ihres Landes nicht unerwähnt lassen. Ich möchte die Tatsache nicht verschweigen, dass diese – keineswegs zufrieden stellenden – Zahlen vom Standpunkt des DAAD ein Hindernis darstellten. Wenn alles nach unserem Wunsch liefe, müssten viel mehr junge Leute aus Deutschland, Studenten und Hochschulabsolventen, die Möglichkeit wahrnehmen, in Rumänien teilweise zu studieren oder zu forschen. Deshalb haben wir uns vorgenommen, in Zukunft die akademischen Austausche in beide Richtungen zu intensivieren. Dabei spielen die zwei Hochschulpartnerschaften eine wichtige Rolle, die der DAAD im Rahmen seines Programms „Europäische Partnerschaften“ gefördert hat. Eines dieser Bündnisse verbindet Ihre Universität mit dem deutschen Partner, der Universität Hamburg.

Den guten Willen der Wissenschaftler und des hochschulischen Verwaltungsappa­rats gibt es also gleichermaßen auf beiden Seiten, der deutschen und der rumänischen, was durch die bruchstückhaften Angaben bewiesen wird. Und ich bin der festen Überzeugung, dass auch die Politik in unseren Ländern die Notwendigkeit und die Nützlichkeit geistiger und menschlicher Austausche erkannt hat, indem sie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in ihre Zukunftspläne aufnahm. Wir verfugen bereits über die bestmöglichen Sprecher dieser Politik: den Präsidenten Ihres Staates, Emil Constantinescu, und unseren Bundespräsidenten, Roman Herzog. Ich frage Sie, wo kann man mehr Verständnis für die Probleme der Kultur und Wissenschaft erwarten als in Ländern, deren Präsidenten ehemalige Hochschullehrer oder gar Rektoren sind? Diese Gemeinsamkeit ist ein positives und ermunterndes Zeichen!

Zum Schluss gestatten Sie mir, einen Blick zu werfen in die Welt der Sagen und Mythen. Man sagt, dass ein walachischer Hirte namens Bucur seine Herde auf einem Stück unvergleichlich schöner Erde weiden ließ. Und jener Ort habe ihn dermaßen bezaubert, dass er den Stab seiner ewigen Wanderung beiseite legte, sich dort niederließ und eine Kirche errichtete. Bald ließen sich um jene Kirche immer mehr Menschen, und so entstand dort eine Stadt. Sie alle, meine Damen und Herren, wissen, auf welche Stadt ich mich dabei beziehe. Für einen Philologen wie mich ist eine Einzelheit dieser schönen Geschichte gewiss besonders interessant: Die Stadt wurde auf den Namen des Hirten Bucur getauft.

„Mă bucur“ (dt. „Ich freue mich“) bedeutet: Ich bin zufrieden und glücklich. Diese positive Nuance, die der Sagenhirte durch seinen Namen auf den von ihm auserwählten Ort übertrug, ertönt heute in meinem Herzen.

Denn auch ich freue mich über die an Traditionen reiche Geschichte, die unsere Völker verbindet.

Ich freue mich darüber, dass ich heute unter Ihnen weile und dass man mir so viel Großzügigkeit und Ehre entgegenbringt.

Und ich freue mich, wenn ich an unsere künftige Zusammenarbeit denke, die ich freundschaftlich und ertragreich sehe.

Ich danke Ihnen.

[Zuerst erschienen in „Zeitschrift der Germanisten Rumäniens“, Heft 1-2 (11-12) / 1997. S. 301-303.

Die Rede wurde in rumänischer Sprache gehalten.

Prof. Dr. h.c.mult. Theodor Berchem nahm am 2. Juni 1997 an der Eröffnung des IV. Kongresses der Germanisten Rumäniens in Sinaia teil.

Den Vorschlag zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Berchem unterbreitete Prof. Dr. George Guţu, dem sich der Bukarester Germanistiklehrstuhl, der Professorenrat der Fakultät für Fremdsprachen und der Senat der Universität Bukarest anschlossen.]

 (Nota SGR / Anm. der GGR)

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